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Zeitschrift für Kinderforschung, 1914, Jg. XIX, Nr.5/6, S.299-332

[´╗┐Zeitschrift für Kinderforschung 1914, Jg.XIX, Nr.5/6, ...]

Zeitschrift für Kinderforschung 1914, Jg.XIX, Nr.5/6, S.299-332

Hellwig, Albert: Die besonderen Wirkungen der Schundfilms

Wenn wir die Beeinflussung des Kindes durch kinematographische Vorführungen untersuchen, so werden wir bald gewahr werden, dass man verschiedene Kategorien derartiger Einflüsse, die wesentlich voneinander verschieden sind, unterscheiden muss.

Man muss einmal scharf voneinander trennen diejenigen Gefahren, welche durch den Inhalt der vorgeführten Films entstehen von denjenigen schädlichen Einflüssen und Gefahrquellen, welche mit dem Inhalt der vorgeführten Films an sich nichts zu tun haben, welche also auch dann bestehen würden oder doch jedenfalls bestehen könnten, wenn das Programm unserer Kinotheater in jeder Beziehung vollkommen einwandfrei wäre. Da die Hauptgefahrenquelle unbestreitbar sich aus dem Inhalte der kinematographischen Vorführungen ergibt, will ich die aus dieser Gefahrenquelle resultierenden schädlichen Einflüsse als Hauptwirkungen des Kinobesuchs kennzeichnen. Diejenigen Gefahrenquellen dagegen, welche von dem Inhalte der Vorführungen unabhängig sind, mögen als Nebenwirkungen des Kinobesuchs bezeichnet werden.

Als solche Nebenwirkungen werden insbesondere in Betracht kommen Gesundheitsschädigung durch das Flimmern der Films und durch zu häufiges oder zu lange ausgedehntes Betrachten der Films, Gesundheitsschädigungen durch den längeren Aufenthalt in ungenügend gelüfteten Räumen der Kinotheater, die Begünstigung von Sittlichkeitsdelikten an Kindern durch die Dunkelheit des Zuschauerraums während der Vorführung sowie endlich der durch die Anziehungskraft des Kinematographen gegebene Anreiz zur Bettelei, zur Begehung von Diebstählen und sonstigen Verfehlungen, um sich das erforderliche Geld für den Kinobesuch zu verschaffen. Bei den Hauptwirkungen des Kinobesuchs lassen sich wieder zwei Gruppen unterscheiden: Einmal nämlich die allgemeinen Wirkungen, welche durch den Inhalt der kinematographischen Films auf Kinder ausgeübt werden wie Bestärkung einer gewissen Oberflächlichkeit, Begünstigung der Unaufmerksamkeit, Verhinderung der Konzentrierung, ästhetische Verbildung, sowie zweitens die spezifischen Wirkungen der Schundfilms im technischen Sinn.

Diese Einteilung, die man bisher noch nicht gemacht hat, ist keineswegs eine Spielerei mit Begriffen, sondern, wie wir im Laufe der Arbeit sehen werden, von wesentlicher Bedeutung für die Erkenntnis und die Würdigung der einzelnen Gefahrenquellen und für die richtige Einschätzung derjenigen Mittel, welche man zur Beseitigung der Gefahrenquellen in Vorschlag gebracht hat.

Hier wollen wir uns zunächst mit den besonderen Wirkungen der Schundfilms befassen, der zweifellos bei weitem grössten Gefahrenquelle. Gelingt es, diese Gefahrenquelle zu beseitigen, so kann für mich gar kein Zweifel darüber bestehen, dass dann die übrigen Gefahren eine quantité négligeable darstellen, der man ausserdem fast durchweg erfolgreich begegnen kann. (1) Deshalb wird es sich rechtfertigen, wenn wir gerade hier ausführlicher sind als bei den anderen Teilen der Untersuchung und eine Reihe von Materialien zur Ergänzung dessen beibringen, was wir schon in unserem Buche über die Schundfilms zu dieser Frage ausgeführt haben, und was im wesentlichen mittlerweile Gemeingut aller Kreise geworden ist, welche sich mit der Reform des Kinos befasst haben.

Wenn ich hier und sonst schlechthin von Schundfilms spreche, so scheide ich die Schundfilms im ästhetischen Sinn durchweg aus, d. h. diejenigen Films, gegen welche sich Einwendungen nur nach der Richtung hin erheben lassen, dass durch sie eine Geschmacksverbildung herbeigeführt werden müsse, wie beispielsweise durch alberne sogenannte humoristische Schlager, durch fade Rührstücke usw. Ich verkenne keineswegs die Gefahren dieser sogenannten ästhetischen Schundfilms und werde mich mit ihnen in einem folgenden Abschnitt auch auseinandersetzen; dagegen bin ich allerdings der Meinung, dass die Gefährlichkeit der ästhetischen Schundfilms eine unendlich geringere ist als diejenige der ethischen Schundfilms und dass es deshalb nicht angängig ist, beide mit gleichem Masse zu messen und zu ihrer Bekämpfung die gleichen rigorosen Mittel anzuwenden. Auf diese Fragen werden wir weiter unten noch ausführlicher zu sprechen kommen; hier lag es mir nur daran, es zu rechtfertigen, dass ich als Schundfilms schlechtweg lediglich die ethischen Schundfilms bezeichne, und zwar nicht nur bei vorliegender Untersuchung, sondern auch in meinen sonstigen Veröffentlichungen zur Kinematographenfrage.

Nach der positiven Seite hin ist diese Abgrenzung, welche ich im Anschluss an die Ausführungen in meinem Buche und in meinen sonstigen einschlägigen Arbeiten gegeben habe, nicht ganz korrekt, da es richtiger ist, aus denjenigen Films, welche ich bisher als Schundfilms im ethischen Sinn oder als Schundfilms schlechtweg zu bezeichnen pflegte, diejenigen Films auszuscheiden, deren Wirkungen genau genommen nicht nach der ethischen, sondern nach der gesundheitlichen Seite hin höchst bedenklich erscheinen. Hierher rechne ich diejenigen Films, welche auf Kinder allgemein oder doch auf nervöse oder sonstwie prädisponierte Kinder gesundheitlich schädigend wirken können, indem sie Angstzustände, häufige lebhafte Träume, Schlaflosigkeit usw. bewirken können. Derartige Wirkungen werden zwar auch durch die Schundfilms im ethischen Sinne garnicht selten ausgelöst und deshalb war ich in meinem Buche auch berechtigt von der gesundheitlichen Gefahr der Schundfilms zu sprechen. Dennoch ist es nicht überflüssig diese Seite der Sache besonders zu betrachten, weil es eben auch Films gibt, welche man ohne den Begriffen Zwang anzutun, als ethische Schundfilms kann bezeichnen kann, die man aber sicherlich als hygienische Schundfilms bezeichnen kann. (2) Diese hygienischen Schundfilms sowie vor allem die ethischen Schundfilms meine ich also, wenn ich im folgenden von Schundfilms schlechtweg spreche, während ich die ästhetischen Schundfilms ausscheide.

Bei den ethischen Schundfilms habe ich schon in meinem Buche eine Dreiteilung aufgestellt und dann auch in meinen weiteren Veröffentlichungen diese Dreiteilung zugrunde gelegt. Die Einteilung, gegen welche von keiner Seite aus ein Einwand erhoben worden ist, die man vielmehr seitdem vielfach der Hauptsache nach auch in anderen Arbeiten über die Kinematographenfrage findet, werde ich auch hier zugrunde legen, da sie mir in der Sache begründet zu sein scheint. Ich unterschied ethische Schundfilms, welche lediglich eine allgemeine verrohende Wirkung äussern, Films, welche zu verbrecherischer Betätigung anreizen, sowie Films, welche in sexueller Beziehung schädlich wirken. Der Sache nach halte ich diese Einteilung also durchaus aufrecht, da sie sich als ein brauchbares Hilfsmittel bei der Behandlung kinematographenrechtlicher Reformfragen erwiesen hat. Auch die Ausdrücke sexuelle Schundfilms sowie kriminelle Schundfilms, welche ich zur Kennzeichnung der beiden letzten Gruppen geprägt habe, scheinen mir durchaus zutreffend zu sein. Dagegen möchte ich den Ausdruck "geschmacklose Schundfilms", welchen ich für die erste Gruppe gebraucht habe, lieber durch die Bezeichnung verrohende Schundfilms ersetzen. Wenngleich der Ausdruck "geschmacklose Schundfilms", soweit mir bekannt geworden ist, zu irgendwelchen Missverständnissen nicht Anlass gegeben hat, so ist es doch besser, ihn der Gefahr der Missdeutung halber zu vermeiden, da man aus ihm wohl - irrigerweise - vermuten könnte, dass ich die ästhetisch nicht einwandfreien Films als geschmacklose Schundfilms bezeichnen will. Da ich die ästhetischen Schundfilms aber gerade nicht zu den Schundfilms im engeren, technischen Sinn zähle, und da die Massnahmen, welche ich gegen die ästhetischen Schundfilms für angebracht halte, wie wir sehen werden, wesentlich von denjenigen sich unterscheiden, welche ich gegen die ethischen Schundfilms, also auch gegen die verrohenden, empfehle, könnte durch diese Bezeichnung, wenn man nicht gleichzeitig die eingehenden Darlegungen meines Buches kennt, in welchem ich diesen früher gebrauchten Ausdruck "geschmacklose Schundfilms" ausführlich erläutert habe, eine heillose Verwirrung angerichtet und ich gegen mich selbst ausgespielt werden. Wenn erfreulicherweise eine solche Verkennung des Begriffs auch nicht stattgefunden hat, (3) so ist es doch besser diese Quelle eines Missverständnisses zu beseitigen und den Ausdruck geschmacklose Schundfilms durch den treffenderen verrohende Schundfilms zu ersetzen.

Nach diesen notwendigerweise etwas ausführlicheren Begriffsbestimmungen wollen wir uns zur Betrachtung der schädlichen Wirkungen der Schundfilms auf die kindliche Psyche wenden.

Bei den allgemeinen Ausführungen über diesen Zusammenhang können wir uns kurz fassen, da die Charakteristik, welche ich schon in meinem Buche in ziemlich eingehender Weise über diesen Zusammenhang gegeben habe, auch heute noch als durchaus zutreffend zu bezeichnen ist. Durch eine ganze Reihe von Ärzten, Psychologen, Pädagogen und anderen Persönlichkeiten, welche über die erforderliche Sachkenntnis und über eigene Erfahrung verfügen, sind die Grundsätze, welche ich in meinem Buche aufgestellt habe, als durchaus richtig bestätigt worden. Ich habe in meinem Buche darzulegen versucht, dass den kinematographischen Vorführungen, ganz besonders, soweit dramatische Schundfilms mit packender Handlung in Betracht kämen, eine ausserordentlich nachhaltige Wirkung zukäme, dass insbesondere Kinder dieser Suggestivkraft in besonderem Grade ausgesetzt seien, und dass die Intensität der Wirkung der Schundfilms noch stärker sei als die auch schon ausserordentlich hoch zu veranschlagende Wirkung der Schundliteratur. Ich hatte auch damals schon verschiedene Autoren anführen können, welche sich in gleicher Richtung hin ausgesprochen hatten. Da ich annehmen kann, dass diese Frage jetzt als geklärt bezeichnet werden kann, und da diejenigen, welche sich aus irgend einem Grunde über das einschlägige Material näher zu informieren wünschen, in meinen früheren Ausführungen die erforderlichen Hinweise finden, will ich mich hier damit begnügen, aus der neueren Literatur einige bezeichnende Äusserungen nachzutragen.

In einem Vortrage, welchen Geheimrat Dr. Baginsky in dem Berliner Verein für Schulgesundheitspflege am 21. Februar 1911 über Kinotheater und Schule hielt, führte er nach einem Referat u. a. aus, durch den raschen Wechsel der Bilder werde die Phantasie besonders erregt, was für die gesundheitliche Seite insofern von Bedeutung werden könne, als bei den Kindern die psychischen Vorgänge anders geartet seien als bei den Erwachsenen. Während bei diesen gleichsam festgeknüpfte Assoziationen der einzelnen Wahrnehmungen beständen, die aus Übung und Erfahrung gewonnen seien, seien die Urteilsassoziationen bei den Kindern nur locker gebunden und es spiele der Gefühlssinn noch immer eine grosse Rolle. Die Assoziationsgeschwindigkeit sei bei den Kindern auch nicht die gleiche wie bei den Erwachsenen, so dass bei Kindern bei dem raschen Wechsel der Erscheinungen eine gewisse Verwirrung der Assoziation zustande kommen könne. Dies könne geschehen schon lediglich bei der Wahrnehmung an sich, aber noch viel mehr bei der Wertung des Wahrgenommenen. Es könnten dadurch Vorstellungen geweckt werden, welche sich von der Realität ganz entfernten, es könne zur fehlerhaften Erregung der Phantasie kommen, und diese so gesteigerte und fehlerhafte Neigung zum Phantasieren könne auf das ganze Wesen der Kinder eine ungünstige Wirkung ausüben. Unter den vorgeführten Bildern seien überdies sehr viele, die an sich schon aus ethischen Gründen für Kinder nicht geeignet seien und die als positiv schädlich betrachtet werden müssten, da die Kinder Eindrücke bekämen, die bis zu einer gewissen Grenze haften blieben und Gemüt und Charakter des Kindes unzweifelhaft schlecht beeinflussten. (4)

Ein konkreter Fall wurde bei der Schöneberger Untersuchung festgestellt.

Der Knabe Th. - ein sehr ordentlicher Schüler - machte die Bekanntschaft eines Kinooperateurs, wodurch ihm der unentgeltliche Besuch von Kinovorstellungen ermöglicht wurde. Seidem [Seitdem] war bei ihm eine äusserst fremdartige eigenartige Ideenassoziation zu bemerken, die oftmals die Art der assoziativen Verknüpfung aufeinanderfolgender Vorstellungen auch der eingehendsten Untersuchung rätselhaft erscheinen liess. In den Kinotheatern ist er eben gewöhnt worden, völlig zusammenhanglose Dinge ohne Aufhören zu verknüpfen, Derartige Erscheinungen glaubte der Lehrer Gensch schon bei mehreren Kindern wahrzunehmen, wenn auch nicht in so hohem Grade wie bei Th. (5)

Bei der dankenswerten Enquete über die Kinematographenfrage, welche das österreichische Ministerium des Innern im April vorigen Jahres zur Vorbereitung einer Ministerialverordnung über das öffentliche Kinematographenrecht veranstaltet hatte, führte Erster Staatsanwalt Hofrat Dr. Lux aus, dass unbestreitbar durch die Schundfilms ein nachhaltigerer Einfluss ausgeübt werde als durch die Schundliteratur: "Wenn Sie dieselben mit der Lektüre vergleichen, so wird es keinem, Jugendbildner oder Fachmann zweifelhaft sein, dass der stärkere Einfluss der Theatervorstellungen, auch in Kinotheatern, sicherlich auf die Unmittelbarkeit und Augenfälligkeit des Geschehenen zurückzuführen ist. Die Lektüre erfordert einen gedanklichen Prozess, der durch das Anschauen des lebendigen vorgeführten Bildes im Kinotheater ersetzt wird. Das Beispiel, das vorgeführt wird, dramatische Handlungen, mitunter der schädlichsten Art, wirkt viel stärker auf die Phantasie als das, was jemand aus einem Buche, auch wenn es der sogenannten Schundliteratur angehört, herauszulesen vermag. Denn da gehört schon eine gewisse Bildung dazu, die nicht jeder hat. Aber der Durchschnittsmensch auch mit minderer Bildung, gerade der, der zurückgeblieben ist, vermag durch das Auge und durch die Sinne aufzufassen. Er hört zum Teile auch das gesprochene Wort und dazu regt die Musik, welche die Vorstellungen gewöhnlich begleitet, die Phantasie nicht wenig an. Nebst diesem Momente der äusseren Einwirkung ist das Moment der Gemeinsamkeit des Genusses nicht zu unterschätzen. Das ist dem Lesenden verschlossen. Das Beispiel der Nachbarschaft, die Massensuggestion, wie wir sie nennen, wirkt eben da auch mit." (6) Auf derselben Konferenz bestätigte Bürgerschullehrer Tluchor meine Auffassung, dass es psychologisch vollkommen verkehrt sei, anzunehmen, dass durch die etwaige Sühne, welche ein in einem kriminellen Schundfilm vorgeführtes Verbrechen finde, der schädliche Einfluss paralysiert werden: "Nein, jedes vorgeführte Verbrechen rückt mit einer Macht von Vorstellungen in das Bewusstsein ein und wird reproduziert, und diese Reproduktion der Vorstellungen ist es, welche Handlungen auslöst, die Phantasie beeinflusst und bewirkt, dass unsere Kinder, statt die Spielplätze und Schulwerkstätten aufzusuchen, ins Kinotheater gehen und dort eine Flut von Vorstellungen geniessen, die in ihr Bewusstsein eingeführt werden und sie neurasthenisch machen." (7)

Universitätsprofessor von Lange in Tübingen erklärt die grosse Beliebtheit, deren sich die kriminellen Schundfilms erfreuen, mit Recht aus einem, auch dem gebildeten Menschen eigenen Bedürfnis sich aufzuregen, Abenteuer zu erleben oder doch mindestens die dramatischen Seiten des Daseins kennen zu lernen. Darauf beruht es auch, dass in der dramatischen Kunst das Verbrechen von jeher eine grosse Rolle gespielt habe. Mit Recht weist von Lange aber darauf hin - ich hatte dies auch schon hervorgehoben -, dass es etwas wesentlich anderes sei, ob uns Shakespeare in seinem Richard III, oder Lessing in seiner Emilia Galotti das Verbrechen schildere, es uns mit strenger psychologischer Begründung mit dem Reize der künstlerischen Illusion vorführe oder ob es uns im Kinematographen in der Form der Naturphotographie entgegen trete: "Im ersteren Falle erleben wir eine ästhetische Erhebung, eine Gemütsbefreiung, im letzteren werden wir in die gemeine Welt des Verbrechens herabgezogen." (8)

Schliesslich sei es noch gestattet, einige Ausführungen des Tübinger Psychiaters Professor Gaupp wiederzugeben, welcher sich mit dieser Seite der Frage am eingehendsten beschäftigt hat. Er führt zu treffend aus, dass auch psychologische Momente es erklärlich machten, dass das Kino zum Volkstheater unserer Zeit geworden sei: Die Auffassung der Aussenwelt mit dem Auge sei müheloser als die mit dem Ohre, das Sehen falle uns leichter als das Zuhören; dazu komme, dass uns alles, was uns leiblich vor Augen trete, gemütlich weit leichter und tiefer packe als das, was wir lesen und uns nun erst mittels der Phantasie vorstellen müssen. Die Wirkung der gefühlserregenden Vorgänge im dramatischen Film werde verstärkt durch die zeitliche Konzentration der Vorgänge: "Was uns der [Detektivroman] Detektiv- und Schundroman in einem dicken Bande an Sensationen schafft, das stellt uns der Kino in 10-15 Minuten konzentriert vor Augen. Die psychologische Wirkung wird dadurch eine ganz andere. Beim Lesen können wir nach Belieben Halt machen, am Gelesenen Kritik üben, uns von dem Druck durch Nachdenken innerlich freimachen, das gruselige Zeug verdauen; beim Kino wird die gemütliche Erregung durch die rasche Folge der leibhaftig vor Augen geführten Bilder gehäuft und verstärkt; zum Nachdenken und Sich-befreien bleibt keine Zeit; es kommt nicht zum seelischen Ausgleich. Die schaurigen und grotesken Dramen erschüttern das Nervensystem bis zur Qual, aber sie geben dem Zuschauer nicht die Mittel, mit denen, er sich sonst der Angriffe auf sein Nervensystem erwehrt: er kommt nicht zur ruhigen Überlegung und geistigen Verarbeitung, zur nüchternen Kritik. Der unmöglichste Unsinn regt uns im Kino auf, wir werden gewissermassen vergewaltigt, betäubt durch die Hochflut des Schauerlichen, dessen psychologische Dürftigkeit wir erst hinterher allmählich ganz übersehen. Der erwachsene und kritische Zuschauer schüttelt dann ja wohl auch wie ein nasser Pudel das greuliche Zeug von sich ab; im Kinde und im urteilsschwachen Menschen aber wirkt es weiter. Dazu kommt ja noch die bekannte psychologische Tatsache, dass nur wenige Menschen beim Hören oder Lesen aufregender Vorkommnisse so viel Phantasie haben, um sich das Geschilderte wirklich plastisch vor Augen zu stellen. Das Kino stellt aber alles gewissermassen leibhaftig vor Augen, und zwar unter den psychologisch günstigsten Bedingungen für eine tiefe und oft nachhaltige Suggestivwirkung: der verdunkelte Raum, das eintönige Geräusch, die Aufdringlichkeit der Schlag auf Schlag einander folgenden Szenen schläfern in der empfänglichen Seele jede Kritik ein, und so wird gar nicht selten der Inhalt des Dramas zur verhängnisvollen Suggestion für die willenlos hingegebene jugendliche Seele. Wir wissen, dass alle Suggestionen tiefer haften, wenn die Kritik schläft. Starke Gefühlserregung schläfert sie ein. Dass aber die Dramen des Kinematographen Gefühle und Leidenschaften der Ungebildeten in ihren Grundtiefen aufrütteln, dafür sorgt eine geschäftskundige Industrie mit schlauer Berechnung und grosser Findigkeit." (9)

Wenn wir nunmehr zu den einzelnen Gruppen der ethischen und hygienischen Schundfilms übergehen, so können wir uns bezüglich der verrohenden Schundfilms kurz fassen. Es ist selbstverständlich, dass die Vorführung von rohen Szenen, von Tierquälereien usw. verrohend wirken muss, wie auch allgemein anerkannt wird.

Nur beispielsweise sei es gestattet, kurz ein Verwaltungsstreitverfahren zu erwähnen, welches im Jahre 1911 vor dem Bezirksausschuss I zu Berlin geschwebt hat, in welchem Zensurverbote des Polizeipräsidenten angefochten wurden. Es handelte sich um vier verschiedene Films, welche teils völlig, teils für Kinder, verboten worden waren. Die Gutachten über diese Films durch Geheimen Medizinalrat Dr. Baginsky, Universitätsprofessor Dr. Ziehen sowie Stabsarzt Dr. Eckert habe ich wörtlich schon an anderer Stelle veröffentlicht. (10) An dieser Stelle möchte ich nur das Urteil des Bezirksausschusses, durch welches die Klage bezüglich des Films "Hahnenkampf" zurückgewiesen worden ist, im Wesentlichen wiedergeben, da es, soweit mir bekannt ist, das einzige Urteil eines Verwaltungsgerichts ist, welches sich mit der uns hier interessierenden Frage der verrohenden Schundfilms beschäftigt.

Die Klage auf Freigabe des Films, welcher nicht nur für Vorführung vor Kindern, sondern auch für die Vorführung vor Erwachsenen verboten worden war, wurde abgewiesen.

Die Klägerin hatte Aufhebung des völligen Verbotes des Films "Hahnenkampf" verlangt, da die Darstellung ein natürlicher Vorgang sei, wie er sich alltäglich auf dem Hühnerhofe abspiele; verrohend könne eine solche Darstellung nur wirken, wenn dabei Tiere durch Menschenhand getötet oder gequält würden: Ein natürlicher Kampf zweier Vögel, der z. B. auf dem Lande zu den täglichen Vorkommnissen gehöre, könne nie eine verrohende Wirkung hervorrufen.

Der Beklagte, der Polizeipräsident zu Berlin, hatte Klageabweisung beantragt und ausgeführt, dass der Hahnenkampf nach unserem Empfinden verrohend sei, wenngleich das Bild einen Vorgang darstelle, wie er in südlichen Ländern zur Belustigung der Zuschauer aufgeführt werde. Es handle sich nicht um tägliche gewöhnliche Vorgänge eines Hühnerhofes.

Auf Grund der Beweisaufnahme - führte das Urteil aus - sei zu erkennen gewesen, wie geschehen. Nach eigenem Augenschein sei der Bezirksausschuss in Übereinstimmung mit den Gutachten der Sachverständigen zu der Überzeugung gelangt, dass die Vorführung schwere sittliche Gefahren herbeizuführen geeignet sei. Die fürchterlichen letzten Zuckungen des verendenden Hahnes, die einzelnen Kampfszenen, die Verbissenheit der beiden Tiere, das durch Menschenhand sichtbar veranlasste Anspornen der Tiere, sei ein Bild abscheulichster Roheit, das ganz allgemein, auch für Erwachsene, entsittlichend und verrohend wirken müsse. Der Einwand des Klägers, dass solche Szenen täglich auf jedem Hühnerhofe vorkämen, bedürfe hiernach keiner weiteren Widerlegung. Nur das künstliche Zusammenhetzen der Tiere durch Menschenhand veranlasse den widerlichen, mit dem Tode des einen Hahnes endenden Kampf. "Es ist ein auf der Hand liegender grosser Unterschied, ob ein ähnlicher in der Natur möglicherweise sich abspielender Kampf - der sich meistens ohne Zuschauer abspielt - ohne menschliche Veranlassung, oder wie hier auf künstliches Betreiben durch Menschenhand zur Belustigung vor einem grossen Kreise von Menschen vorgeführt wird." Das Verbot sei daher gerechtfertigt. (11)

Bei einer im Februar und März 1913 von dem Bremischen Lehrerinnenverein dankenswerterweise veranstalteten Untersuchung der Kinos in Bremen, die wir wiederholt noch benutzen werden, sah eine Lehrerin einen Film, in welchem ein Knabe einer Fliege die Flügel abriss und dann zwischen ihr und einer sie verfolgenden Spinne einen Wettlauf veranstaltete, an dem sich zuletzt auch die leblosen Dinge beteiligten. Wie die Berichterstatterin bemerkt, begleiteten die Kinder das Flügelausreissen mit so interessierten Bemerkungen, dass sie es zu Hause sicherlich auch versucht haben. (12)

Erwähnt mag noch werden, dass meine Auffassung, dass auch wissenschaftliche Films unter Umständen als verrohend wenigstens für Kinder in Betracht kommen könnten, nicht nur der Praxis des Berliner Polizeipräsidiums entspricht, sondern auch in der Literatur vertreten wird. Auf die Absicht, welche der Fabrikant mit der Herstellung und der Kinobesitzer mit der Vorführung derartiger Films verfolgt, kommt es nicht an, sondern nur auf die Wirkung, welche sie auf die Zuschauer auszuüben geeignet sind. (13)

Dass auch die sexuellen Schundfilms sehr gefährlich sind, namentlich auch für Halberwachsene, und dass die Charakteristik, welche ich von ihnen in meinem Buche gegeben hatte, (14) zutrifft, wird allgemein angenommen, und mit Recht. Jeder, der selbst einmal unzüchtige Films gesehen hat - ich selbst habe solche im Zensurbüro in Stockholm sowie auf dem Berliner Polizeipräsidium gesehen - weiss, in wie raffinierter Weise in ihnen alles auf die Sinnlichkeit berechnet ist, und kann sich ausmalen, wie solche sexuellen Schundfilms auf Halbwüchsige wirken müssen. Begünstigt wird die Wirkung noch durch die Dunkelheit des Kinos und die Gemeinschaftlichkeit des "Genusses". Früher kam es nicht selten vor, dass ganz krasse sexuelle Schundfilms in aller Öffentlichkeit vorgeführt wurden, und mir sind eine ganze Reihe von Urteilen bekannt, durch welche die Kinobesitzer wegen Vorführung derartiger unzüchtiger Films bestraft worden sind. (15) Dass auch heute selbst die krassesten sexuellen Schundflilms [Schundfilms] noch keineswegs verschwunden sind - in meinem Buche habe ich die Bedeutung der sexuellen Schundfilms wohl zu gering eingeschätzt - kann man aus gewissen Annoncen und Beschreibungen der Fachblätter entnehmen, in welchen mit oft zynischer Offenheit auf den Sinnenkitzel hingewiesen wird, welcher von der Vorführung der Films zu erwarten ist. Man wird bei den Films zweifellos über das Unzüchtige im Sinne unseres Strafgesetzes weit hinausgehen und auch alle diejenigen Films, die man lediglich als pikant bezeichnen kann, zum wenigsten der Jugend fernzuhalten trachten müssen, denn zweifellos können auch sie unendlichen Schaden anrichten. Man kann in dieser Beziehung kaum rigoros genug sein und kann auch getrost scharf vorgehen, da irgendwelche Interessen der Kunst oder Wissenschaft, wie sie bei einem Einschreiten gegen die sexuelle Schundliteratur sehr wohl in Frage kommen können, nicht in Betracht kommen. Richtig ist es, wenn Sohnrey ausführt: "Das Zusammentreffen von lüsternen Unterhaltungsstoffen und dem dunklen Raum mit einem grossen Teile lüsterner Menschen machen das heutige Kinematographentheater zu einer künstlich gehegten und gepflegten Brutstätte, von der aus das Laster seinen Anfang nimmt. Wollte man versuchen, das Volk in irgend einer Weise, die Kinder z. B. in der Schule, die Älteren in der Fortbildungsschule, dahin aufzuklären, wie schädlich, wie vergiftend die Vorstellungen auf unentwickelte Gemüter wirken müssen, man würde wohl kaum irgend einen Erfolg erzielen." (16)

Bei der Schöneberger Untersuchung erklärte der Lehrer Gensch die oft gezeigten sexuellen Schundfilms für besonders gefährlich. Dem Kinde werde fortwährend der Gedanke in bildlicher Ausführung eingeprägt: Der aussereheliche Verkehr der Geschlechter sei das Reizvollste im Leben. Der betrogene Teil verdiene nichts als Gelächter. Der Ehebrecher sei ein Held. "Dass die Kinder Verständnis für solche Vorgänge besitzen, das sagen dem Beobachter die Blicke, die sich die Mädchen unter verständnisvollem Kichern manchmal unter Windungen des Körpers zuwerfen, das sagt das oft zu hörende "Schade" der Knaben, wenn ein Paar hinter der Tür in unzweideutiger Absicht verschwindet." (17)

Auch, was Dr. med. Ike Spier über die sexuellen Gefahren des Kinos ausführt, kann man Wort für Wort unterschreiben: "Man braucht ja nur die Unmenge halbwüchsiger Jünglinge und Mädchen zu beobachten, wenn sie mit leuchtenden Augen und erhitztem Blut aus dem verderblichen Schlund des Kinos in die [Asphaltatmosphäre] Asphalt- und Bogenlampenatmosphäre der Strasse hinausströmen.

"Ihre Phantasie hat reichen Stoff bekommen. Noch stehen vor ihrem geistigen Auge die eleganten Damen und Herren der Gesellschaft, die da oben ihre [Liebesaffäre] Liebes- und Lebensaffäre in Claurenscher Weise produzierten; heisse Küsse auf leuchtende Nacken, brünstige Umarmungen hinterm Gebüsch im Palmengarten der Milliardärsvilla, verstohlene Einladungen zur Untreue, und Blicketausch von ihm und ihr, Billetdoux, Spieltisch und Diner, betrogene Ehegatten und verführte anständige Mädchen, wieder aufgetauchte Ballhausheldinnen und Kokettengrössen, Verstossene, Verführte und indische Bajaderen, kurz, eine reichhaltige Musterkarte sexueller Variationen.

"Wieviele Mädchen mögen nach einer oder mehreren Kinovorführungen der Verführung anheim gefallen sein, wo vielleicht ein junger Bursche sich stolz als ein Donjuan fühlen mochte und doch im Kino seinen erfolgreichsten Kuppler hatte. Wieviele junge Männer mögen sich im Kino bis zur Hochspannung gereizt haben und dann der Prostitution mit ihren Gefahren eine leichte Beute geworden sein!

"Man braucht sich die Zahl der Ehebrüche, die solche kinematographischen Vorführungen verursacht haben, nicht vorzustellen, die Seitensprünge von Mann und Frau, die sich in kleinen Verhältnissen plötzlich am farbenreichen Leben der Kinoplutokratie und -gesellschaft [Kinogesellschaft] berauschten, unzufrieden mit ihrem Dasein eben ein "Corriger la vie" in irgend einer üblen Weise vorgenommen haben." (18)

Lange macht mit Recht darauf aufmerksam, dass erotische Szenen sich immer mehr in sonst anständige Films eindrängen. Man scheine zu glauben, dass nur an den Haaren herbeigezogene Anzüglichkeiten einer Handlung die richtige Würze, den richtigen Pfeffer, zu geben vermöchten. (19)

Wir kommen nunmehr zu den kriminellen Schundfilms, welche eine ganz besondere Bedeutung beanspruchen dürfen, da sie nicht nur ausserordentlich oft vorkommen, sondern auch in ganz besonderem Masse auf die Jugend schädlich einwirken.

Ich habe schon in meinem Buche dargelegt, dass und weshalb die kriminellen Schundfilms auf leicht Beeinflussbare - und hierzu gehören ja vor allem gerade die Jugendlichen - suggestiv wirken müssen, und zwar in hohem Masse; ich machte andererseits aber auch darauf aufmerksam, wie ausserordentlich schwer es sei, in einem konkreten Falle den Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen Schundfilms und einem bestimmten Verbrechen zu erbringen. (20) Meine weiteren Untersuchungen, welche ich über diese Frage in so umfangreicher Weise vorgenommen habe, wie dies bisher auch noch nicht annähernd geschehen ist, von denen ich bisher nur einen kleinen Teil veröffentlicht habe, (21) haben mir immer mehr die Überzeugung beigebracht, dass es ausserordentlich schwierig ist, einen solchen Kausalzusammenhang im Einzelfall nachzuweisen, und dass die in den Zeitungen und Fachzeitschriften berichteten Fälle, wenn man Gelegenheit hat, ihnen nachzugehen, im allgemeinen als beweiskräftig nicht angesehen werden können, ja dass man selbst Angaben von Jugendrichtern, Staatsanwälten, Psychiatern und anderen Sachverständigen nicht selten mit grosser Vorsicht entgegenkommen muss. Ich stehe also dem Tatsachenmaterial, das man über angebliche Beziehungen zwischen Schundfilms und Verbrechen beigebracht hat, im allgemeinen mit grosser Skepsis gegenüber, und ich habe meine guten Gründe dazu. Mir sind auf meine Umfrage Hunderte von Antworten von Jugendrichtern, Staatsanwälten, Polizeibeamten zugegangen, durch die meine Überzeugung nur gefestigt worden ist; ganz besonders haben dazu auch einige Prozesse beigetragen, in welchen angeblich ein Zusammenhang zwischen Schundfilms und Verbrechen konstatiert worden sein sollte. Als ich die Akten aber durcharbeitete, fand ich - ich muss sagen, zu meiner Enttäuschung - bisher immer noch, dass günstigstenfalls eine gewisse Möglichkeit eines derartigen Zusammenhangs bestehe, mitunter nicht einmal dies. Einen derartigen Fall habe ich in meiner Abhandlung über die Schädlichkeit der Schundfilms für die kindliche Psyche dargestellt, (22) andere werde ich demnächst in dem "Gerichtssaal", der "Ärztlichen Sachverständigen-Zeitung" sowie in dem "Pitaval der Gegenwart" veröffentlichen. Insbesondere möchte ich darauf hinweisen, dass auch der Reutlinger Fall, welchen Gaupp (23) als treffenden Beleg erwähnt, und den er auch mir gegenüber brieflich als beweiskräftig bezeichnete, dies keineswegs ist. Ich bedaure nichts mehr, als dass es so ausserordentlich schwer, wenn nicht gar unmöglich ist, den exakten Nachweis der ungünstigen Einwirkungen der kriminellen Schundfilms zu erbringen. Man wird es mir wohl glauben, dass ich nur ungern, durch meine eingehenderen Untersuchungen dazu gezwungen, zu dieser Überzeugung gelangt bin und nicht etwa leichtfertig, nur aus einem gewissen unberechtigten Skeptizismus diese Ansicht vertrete. Ich muss es daher mit Entschiedenheit zurückweisen, wenn Lange mir aus dieser Stellungnahme einen Vorwurf zu machen scheint: Meines Erachtens schaden diejenigen, welche nicht genügend beweiskräftige Fälle als ausreichende Beweise ausgeben, der guten Sache viel mehr als ich, welcher die Mängel in der Beweisführung offen aufdeckt. Aber, wenn es auch wahr wäre, dass dem Kampf gegen die Schundfilms, welcher mir doch wahrlich auch am Herzen liegt, durch meine skeptische Beurteilung der beweisenden Fälle Schaden zugefügt würde, so könnte ich meine Überzeugung doch nicht ändern und würde auch nicht aufhören, diese Überzeugung öffentlich kundzutun, denn sonst würde ich unredlich handeln. Dass meine Kritik schädlich wirkt, kann ich aber schon deshalb nicht annehmen, weil ich gleichzeitig immer hervorhebe, dass ich trotzdem aus allgemeinen psychologischen Erwägungen fest davon überzeugt hin, dass ein Kausalzusammenhang zwischen Schundliteratur und Schundfilms besteht, und dass dieser Zusammenhang für mich als erwiesen feststehen würde auch dann, wenn es nicht in einem einzigen Fall gelingen sollte, ihn exakt nachzuweisen. (24)

In letzter Zeit sind übrigens verschiedene Stimmen laut geworden, welche dieselbe Auffassung vertreten, wie ich sie schon seit Jahren vertreten habe. So stimmen Medizinalrat Professor Dr. Näcke (25), Dr. Gruhle (26) sowie Professor Dr. Hübner (27) mir vollkommen bei, und Staatsanwalt Dr. Haldy kommt bei der aktenmässigen Schilderung des Falles Rücker, bei welchem er die Anklage vertreten hatte, zu der Ansicht, dass nicht das geringste dafür erbracht sei, dass der jugendliche Raubmörder unter dem Einflusse der Schundliteratur oder der Schundfilms sein Verbrechen begangen habe, wie einer der ärztlichen Sachverständigen angenommen habe. (28) Auch sonst kommen erfreulicherweise derartige vorsichtige Stimmen immer mehr zu Wort. Vielfach allerdings wird immer noch nicht die genügende Sorgfalt auf den exakten Nachweis verwendet. Manche der Fälle, welche in der Literatur der letzten Jahre beigebracht sind, scheinen auch beweiskräftig zu sein, soweit man dies sagen kann, ohne imstande zu sein, das Material nachzuprüfen. Darüber aber, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen der Kriminalität der Jugendlichen und den Schundfilms existiert, herrscht bei allen Sachkennern volle Übereinstimmung. (29)

Nur einen einzigen derjenigen Fälle, deren Akten ich bisher durchgearbeitet habe, möchte ich hier skizzieren, wenn auch in aller Kürze: Der Fall ist deshalb besonders interessant, weil bei keinem einzigen der anderen Fälle eine kausale Beziehung zwischen Schundfilm und Verbrechen so wahrscheinlich ist wie hier. Es ist dies der sogenannte Borbecker Knabenmord. (30)

Es handelt sich bei diesem Falle darum, dass ein 16 jähriger Bauernbursche den 4 1/2 jährigen Sohn seiner Dienstherrschaft ohne sichtbaren Grund ermordet hat. In eingehender Weise wurde in der Voruntersuchung festzustellen versucht, welches das mutmassliche Motiv gewesen sein könne, das den Täter zur Begehung der Tat veranlasst hatte. Insbesondere wurden eingehende Erörterungen nach der Seite hin gepflogen, ob es sich hier um einen Akt des Sadismus handeln könne. Alles aber, was festgestellt werden konnte, sprach gegen eine derartige Annahme. Es ergab sich, dass der Täter niemals irgendwelche Rohheitsakte begangen hatte, dass er insbesondere Tiere nicht gequält hatte und zu den Kindern seiner verschiedenen Dienstherrschaften immer ausserordentlich nett und liebenswürdig gewesen war, so dass diese sehr an ihm hingen. Dies traf auch bei dem von ihm später ermordeten Söhnchen seiner letzten Dienstherrschaft zu. Da der Angeklagte von seinem Dienstherrn gut behandelt worden war, wie er selbst zugab, und, wie auch durch die sonstigen Ermittlungen festgestellt, zu Klagen nicht den geringsten Anlass hatte, war auch Rachsucht als Motiv ausgeschlossen. Die psychiatrische Untersuchung des Angeklagten ergab nichts dafür, dass er geistig nicht zurechnungsfähig sei.

Der Angeklagte selbst, der ernstliche Reue über seine Tat nicht zeigte, gab von Anfang an an, er wisse selbst nicht, wie er zu der Tat gekommen sei. Auch die sonstigen Ermittlungen hatten, wie schon erwähnt, zu einem greifbaren Resultat nicht geführt.

Durch einen glücklichen Zufall war infolge der Bekundung eines Zeugen von Anfang an die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft und des Untersuchungsrichters darauf gelenkt worden, dass der Angeklagte ein eifriger Kinobesucher war. Wenn auch die Ermittlungen über das Verbrechensmotiv sich zunächst nach anderer Richtung hin erstreckten, insbesondere aufzuklären versucht wurde, ob es sich nicht um eine sadistische Handlung handeln könne, so wurde doch dankenswerterweise auch die auf den Kinematographen hindeutende Spur mit einer mir von anderen Fällen her nicht bekannten Energie aufgenommen.

Es ergab sich, dass der Angeklagte, der übrigens sonst im allgemeinen ein ziemlich zurückgezogenes Leben führt, insbesondere im Trinken ausserordentlich mässig war und auch in sexueller Beziehung sich nicht all zu sehr gehen liess, regelmässig jede Woche einmal, manchmal auch mehrere Male ein Kinematographentheater besuchte. Insbesondere konnte festgestellt werden, dass der Angeklagte in den der Mordtat unmittelbar vorhergehenden Tagen einen Film gesehen hatte, in welchem in anschaulicher Weise ein Überfall von Weissen durch Indianer geschildert wurde und in welchem Situationen vorkamen, die in manchen Einzelheiten eine auffallende Ähnlichkeit mit den Umständen zeigten, welche bei der Tat des Angeklagten gegeben waren, sowie dass er gleichfalls in diesen Tagen auch die kinematographische Wiedergabe des bekannten Märchens vom kleinen Däumling gesehen hatte.

Es gelang die beiden in Betracht kommenden Films zu beschlagnahmen und durch ihre Vorführung in Gegenwart des Angeklagten und der die Untersuchung führenden Personen eine gewisse Grundlage für eine Beurteilung der Frage zu schaffen, ob es denkbar und wahrscheinlich sei, dass ihre Vorführung auf den Angeklagten einen gewissen suggestiven Einfluss ausgeübt habe. Der Untersuchungsrichter hielt es sowohl nach dem Inhalt der beiden Films, als auch nach dem Benehmen des Angeklagten während ihrer Vorführung sowie auf Grund der Bekundungen eines Zeugen, mit welchem der Angeklagte häufig Kinotheater besuchte und insbesondere auch jene beiden Films unmittelbar vor der Mordtat sich angeschaut hatte, für ausserordentlich wahrscheinlich, dass diese beiden Films auf den Angeklagten einen derartig suggestiven Eindruck gemacht hatten, dass er, unbewusst unter ihrem Einflusse stehend, ohne jedes sonstige Motiv den von ihm sonst gern gesehenen kleinen Knaben seines Dienstherrn, als er sich an dem fraglichen Nachmittag mit ihm allein auf dem Heuboden befand, niederstiess. Ohne hier in der Lage zu sein, durch kritische Wiedergabe des ganzen Sachverhaltes meine Auffassung näher begründen zu können, möchte ich erklären, dass auch ich in diesem Falle einen Beleg dafür sehe, dass in der Tat der Anblick von Films mit stark aufregenden kriminellen Begebenheiten auf prädisponierte Individuen derartig nachhaltig einwirken kann, dass sie, ohne sich dessen bewusst zu sein, durch sie veranlasst werden, eine Straftat zu begehen, die sie sonst nicht verübt haben würden.

Von dem Schwurgericht zu Essen wurde der Angeklagte, unter Verneinung der Schuldfrage wegen Mordes, des Totschlages am 20. Januar 1913 für schuldig erklärt und ihm mildernde Umstände versagt. Das Gericht verurteilte ihn daraufhin zu einer Zuchthausstrafe von 10 Jahren. Über die Strafzumessung ist in den Gründen des Urteils ausgeführt, dass die in ihrer Ausführung fürchterliche Tat schwerste Sühne fordert und dass nur die Rücksicht auf die geistige Minderwertigkeit des Angeklagten, auf seine Gemütserregung zur Zeit der Tat und endlich auch sein noch jugendliches Alter die erkannte Strafe als ausreichend und angemessen erscheinen lasse. Durch den Hinweis auf die Gemütserregung zur Zeit der Tat hat sich auch der Schwurgerichtshof die Auffassung zu eigen gemacht, dass sich der Angeklagte zur Zeit der Tat infolge der vorher von ihm gesehenen kriminellen Schundfilms in einem aufgeregten Zustande befunden habe, da sonst in der Verhandlung keinerlei Momente aufgetaucht waren, die auf eine Gemütserregung aus anderen Gründen hätten schliessen lassen.

Auf weitere Einzelheiten kann ich hier nicht eingehen, da ich dann den mir zur Verfügung stehenden Raum weit überschreiten müsste. Insbesondere muss ich es mir versagen, mein umfangreiches noch nicht veröffentlichtes Material, welches ich auf Grund meiner Umfrage erhalten habe, hier auch nur teilweise wiederzugeben, da diese Wiedergabe allein schon den mir zur Verfügung stehenden Raum überschreiten würde. Besonders bedauere ich auch, dass es mir aus denselben Gründen nicht möglich ist, weitere Fälle, in welchen ich auf Grund der Akten kritisch geprüft habe, ob die Möglichkeit eines kausalen Zusammenhangs so gross ist, dass man davon sprechen kann, der Zusammenhang sei in diesem Falle erwiesen, hier darzustellen. Eine eingehende Darstellung würde zuviel Platz wegnehmen und eine kurze Wiedergabe würde wiederum ihren Zweck nicht erfüllen. Ich halte es deshalb für besser, den Leser durch Wiedergabe von Exzerpten aus der übrigen Literatur in den Stand zu setzen, sich über den Stand der Frage zu orientieren und sich sodann, wenn er Neigung dazu hat, durch die Lektüre meines Buches sowie der erwähnten weiteren Aufsätze davon zu überzeugen, ob meine eben gegebene allgemeine Cbarakteristik zutreffend ist oder nicht. (31)

In vortrefflicher Weise legt Götze dar, dass die Schundfilms nicht nur das [Vorstellungsleben] Vorstellungs- und Gefühlsleben des Kindes beeinflussten, sondern dadurch auch das Willensleben, da im Willensvorgang neben der Veranlagung den Vorstellungen und Gefühlen die allergrösste Bedeutung zukomme: "Wenn dem so ist, so dürfen wir den sensationellen und sentimentalen Darstellungen nicht geringen Einfluss auf das Wollen des Kindes zuschreiben. Ferner dürfte feststehen, dass das gute Beispiel ein wertvoller Faktor in der Willensbildung ist, aber ebenso unzweifelhaft, dass schlechte Ideen und schlechte Handlungen, auch im Bilde, suggestiv wirken und das Schlechte anregen. Die Suggestion wird um so stärker sein, je geringer die Eigenkraft dagegen wirkt. Die kriminellen Darstellungen bieten Handlungen von Bösewichtern und Gaunern, Einbrechern, Kinderräubern usw. in Menge ... Man wendet ein, die Begebenheiten, Ehebruchsszenen usw. würden durch die Sühnen am Schlusse der Darstellung abgeschwächt. Aber es ist doch so, dass für den Zuschauer alles, was er an Roheit und Unsittlichkeit innerlich mit durchlebt, "einen seelischen Präzedenzfall" bedeutet, der im gegebenen Moment ähnliche Handlungen auslöst, Das Anschauen führt vor allem bei disponierten Individuen leicht zu Taten oder beeinflusst den Charakter in schlechter Weise. Dies wird bei Jugendlichen und moralisch unausgereiften Erwachsenen desto mehr richtunggebend für ihre Charakterbildung sein, je weniger ihr häusliches Milieu die Wirkung der moralischen Infektion paralysiert." (32)

Nach demselben Gewährsmann haben die Verhandlungen vor dem Jenenser Schöffengericht mehr als einmal den Zusammenhang zwischen Diebstahl und Kino aufgedeckt. Aus seiner Praxis führt Götze noch folgende Belege an, die jedenfalls so, wie sie berichtet werden, als beweiskräftig kaum angesehen werden dürften:

"Vor zwei Jahren hatte ich einen Jungen, K., der bei der Umfrage nach dem Kinobesuch stets unter den regelmässigen Besuchern war. Um die gleiche Zeit stahl der erst neunjährige Junge einem bei seinen Eltern wohnenden Herrn 3,71 M.

"In einem anderen Falle stahl der dreizehnjährige Schüler B. in den Papierläden eifrig Postkarten, um sie zu verkaufen. Er war ein fleissiger Besucher des Kinematographen.

"Ein elfjähriger Knabe, K., besuchte den der elterlichen Wohnung gegenüberliegenden Kino fast täglich, meist umsonst, da er öfters Wege besorgte. Der streng erzogene Junge zeigte seit langem Symptome innerer Erregung. Nachts sprach er oft von den tags vorher gesehenen Verbrechergeschichten, und sein Wesen war wie umgewandelt. Trotz Ermahnung der Eltern trieb es ihn immer wieder vor die weisse Wand. Am 14. Juni drang derselbe Junge in die in gleichem Stockwerke liegende Wohnung des elterlichen Nachbars ein und stahl an einem Tage erst 2, dann 4 und endlich auf viermal im ganzen 88 M, die er in Gesellschaft mit zwei Kumpanen innerhalb drei Tagen bis auf 5 M durch Ankauf von allerlei Esswaren, Spielwaren, durch Kinematographenbesuch, allerhand [Autofahrten] Auto- und Bahnfahrten usw. aufbrauchte. Der Vater versicherte mir bei einer Rücksprache fest, dass der Kinematograph den Jungen verrückt gemacht habe." (33)

Nicht recht beweiskräftig scheint mir auch folgender Fall zu sein, welchen "Der Türmer" mitteilt:

Wir haben jetzt wieder zwei Knaben in unserem Erziehungsheim Kinderschutz, die mehrfach grössere und kleinere Fahrten unternommen haben. Der eine, ein zwölfjähriger, nahm seinem Vater, einem Grünkramhändler, 165 M, equipierte sich und reiste dann nach Gumbinnen und Königsberg. Hier mietete er sich eine möblierte Stube, machte Ausflüge, besuchte Theater und Zirkus, bis er ergriffen wurde. "Dann holte mich mein Vater," schreibt er in seinem Bericht, "der hat mir mit dem Stock gezeigt, was es heisst, nach Königsberg zu fahren. Ich bin ausgerückt, weil es mir zu Hause nicht gefiel, und weil mir das Fahren im Zuge gefiel. Ich las immer den Detektivroman Nat Pinkerton und dachte, ich müsste es auch so machen. Ich war immer im Kinematograph, der hat mich auch verdreht gemacht." (34)

Lang schildert folgende beiden forensischen Fälle, ohne seine Quelle anzugeben, vermutlich auf Grund von Zeitungsberichten:

"Zwei halbwüchsige Burschen (18 Jahre) überfallen um Mitternacht in einer Villa in der Nähe Prags ein Ehepaar, um es zu berauben. Und hierzu folgendes aus dem Verhör: "... Die Leute hätten von einem reichen Mann erzählt, der darinnen allein mit seiner Frau hause und der viel, viel Geld habe. Da habe er sich gedacht, dass sich hier etwas machen liesse. Hätte er doch wiederholt ähnliches im Kinematographen gesehen und in der Zeitung gelesen. Die Geschichte von den beiden mutigen Burschen, die im Schnellzuge den Leutnant und später den Briefträger M. auf dem Bergstein überfallen hätten, wären seine Vorbilder geworden ..." (auch diese durch das Kino angeregt, worauf gleich eingehender zurückzukommen sein wird). Die Fortsetzung erzählt sein Komplice: "... Am 30. November um 10 Uhr abends sei er im Kino in der Holleschowitzer Beleredistrasse mit seinem Freunde zusammengekommen. Der habe ihm erzählt, er wisse von etwas, das sich so ähnlich einrichten lasse wie das Stück von den grossen Banditen, das sie soeben gesehen hätten ..." Es folgt die Erzählung der Verabredung und der Anschaffung der Einbruchswerkzeuge,

... Dann verabschiedete man sich, S. ging noch zu einer Vorstellung ins Kinotheater, um dort seine kriminalistischen Studien noch zu vervollständigen ...

Ein zweiter Fall: "Am Allerheiligentage überfielen zwei junge Burschen im Wiener Schnellzuge knapp hinter Wysotschan einen Leutnant. Die Täter, die erst anlässlich eines späteren Verbrechens (Überfall auf einen Briefträger in einer eigens hierfür gemieteten Wohnung) festgenommen wurden, führten an, "dass sie durch das Kinotheater bei der Vorstellung des Stückes "Räuber überfallen im Singaporer Expresszug einen Reisenden

auf den Gedanken gekommen seien, ein ähnliches Stückchen zu versuchen".

Der Verteidiger Dr. B. fragt: Waren jede Woche im Kinematographentheater, das Sie besuchten, Verbrechervorstellungen zu sehen?

Angeklagter: Mindestens eine.

Verteidiger: Was reizte Sie, den Helden der Verbrecherromane nachzustreben, die Sie lasen?

Angeklagter: Mir imponierte deren Schlauheit, deren Entschlossenheit und deren Mut." (35)

Sellmann erwähnt auf Grund einer Zeitungsnotiz folgenden Fall: "Der wiederholte leidenschaftliche Besuch des Kinematographentheaters hat nach seinem eigenen Geständnis den jugendlichen Dienstknecht Wilhelm Fleck aus Göttingen zum Strassenraub verleitet. Der siebzehnjährige Bursche stand unter der Anklage des vierfachen schweren Strassenraubes vor den Geschworenen in Kassel. In später Abendstunde pflegte er alleingehenden Damen mitten in der Stadt die Handtaschen zu rauben. Fleck war auf der Domäne Wilhelmshöhe in Stellung und führte sich dort tadellos. Bei seiner Vernehmung gab der Angeklagte nur an, er habe einmal in einem Kinematographentheater gesehen, wie ein Räuber einer Dame eine Handtasche fortriss, darauf flüchtete, ein Schutzmann hinter ihm hersprang und beide sich in die Beute teilten usw. Dieses Bild habe ihn dazu verführt, einen gleichartigen Strassenraub auszuführen. Tatsache ist, dass Fleck die Strassenraube stets nach Besuch des Kinematographen auf dem Heimwege ausgeführt hat. Er wurde zu einer Gesamtstrafe von drei Jahren Gefängnis verurteilt." (36)

De Ryckere berichtet von zwei sechszehnjährigen Burschen namens Joseph Counet und Michel Orban, welche im Juli 1912 vor dem Tribunal correctionel von Verviers erschienen. Sie stammten aus achtbaren Familien in Spa und waren, durch die Lektüre von krimineller Schundliteratur und den Besuch von Kinotheatern wirr gemacht, aus dem Elternhause entflohen, wie in der Voruntersuchung festgestellt wurde. Sie hatten sich mit Revolvern und mit Dolchmessern bewaffnet, hatten dann unter falschem Namen ein Fahrrad gemietet und es sofort für wenig Geld wieder verkauft. In der Waldung von Francorchamps hatten sie schliesslich einen Radfahrer aus Verviers unter Todesdrohungen gezwungen, ihnen seine Barschaft herauszugeben. Am nächsten Morgen gelang es sie festzunehmen. In der Hauptverhandlung machten die Verteidiger die Schundliteratur und Schundfilms für die Verbrechen der beiden Angeklagten, die zu vier Monaten Gefängnis bezw, verschiedenen Geldbussen verurteilt wurden, verantwortlich. (37)

Drei Fälle aus der Schweiz teilt uns auf Grund von Zeitungsberichten Pfarrer Wild (38) mit:

Vier Bürschchen im Alter von 15 und 16 Jahren waren am 2. April 1912 vor die Appellationskammer des Obergerichtes (Zürich) vorgeladen; sie waren angeklagt einer Reihe von Einbruchsdiebstählen. Zwei der Burschen stammten aus Russland, ein anderer aus Österreich und der vierte und älteste war ein Zürcher. Einer der Russen war geflohen. Die jungen Burschen, die nicht etwa eine schlechte Erziehung genossen hatten, kamen in schlechte Gesellschaft; anstatt zu arbeiten, schlenderten sie umher und gingen mit Vorliebe in die Schaustellungen der Kinematographen, wo Szenen aus dem Leben eines Räuberhauptmanns aufgeführt wurden. Sie wollten offenbar auch so "berühmt" werden und zogen dann nachts mit Brechzeug versehen herum, um da und dort einzubrechen; sie nahmen alles mit, was ihnen gerade in die Hände fiel, Krawatten, Brieftaschen, Füllfederhalter, Rauchservice, am liebsten bares Geld. Als sie dann am 20. November, abends 8 Uhr, daran waren, die Korridortür zu einer Wohnung zu erbrechen, in welcher, wie sie wussten, ziemlich viel Geld aufbewahrt war, wurden sie verscheucht, und man konnte dann die Einbrecher ausfindig machen. Die drei anwesenden Angeklagten wurden mit einem Monat bezw. sechs Wochen Gefängnis bestraft.

In der Sitzung des Schwurgerichts zu Bern vom 14. Okt. 1912 hatten sich zwei junge Burschen wegen verschiedenen strafbaren Handlungen zu verantworten, Alfred Luginbühl, geb. 1894, von Oberthal, Bäckergeselle, und Albert Riesen, geb. 1894, von Oberbalm, Gipser, beide in Untersuchungshaft. Ersterer ist angeklagt des Brandstiftungsversuchs, des Diebstahls und des Betruges und letzterer des Betruges und des Betrugsversuchs. Die beiden Angeklagten trieben sich vor ihrer Verhaftung [beschäftigungslos] beschäftigungs- und mittellos in der Stadt herum. Sie sprachen einzeln oder gemeinsam bei verschiedenen Personen vor mit der Angabe, Luginbühl hätte das Geld, mit welchem er für seinen Vater eine Anschaffung machen sollte, verloren. So gelang es ihnen, einigen Personen Geld abzulocken.

Sonntag, den 28. April, im Verlaufe des Nachmittags, begab sich Luginbühl in den Keller des väterlichen Hauses auf dem Breitenrainplatz. Daselbst zündete er einen Haufen Papier an, welches neben einem hölzernen Kellergitter am Boden aufgeschichtet war. Nach dieser Brandlegung entfernte er sich eiligst. Sein Verschwinden wurde aber von zwei Mädchen bemerkt, und diese begaben sich, nichts Gutes ahnend, in den Keller. Einige hölzerne Gegenstände waren bereits angebrannt. Dass das Gebäude nicht in Flammen aufging, ist einem glücklichen Zufall zuzuschreiben.

Luginbühl ist der Sohn rechtschaffener Eltern, denen er schon viel Verdruss bereitet hat. Er wird als leichtsinniger Bursche geschildert, der sein Geld in Kinematographen und für Schundromane, wie Nick Carter, ausgab.

In Genf endlich verhaftete die Polizei am 2. August 1912 zwei Burschen im Alter von 12 und 15 Jahren aus Eaux-Vives, die sich nach dem Titel eines bekannten Kinematographenstückes mit anderen Kameraden Bande "Zigomar" nannten und seit einiger Zeit eine Reihe von Diebstählen ausführten. Ihr Versammlungsort war ein Keller; sie hatten dort in einer Aushöhlung auch die entwendeten Sachen aufgestapelt.

"Zigomar", "ein Kampf auf Leben und Tod zwischem [zwischen] dem berüchtigten Verbrecherkönig von Paris und dem berühmtesten Detektiv Martial", ist ein Kinematographendrama der allerschlimmsten Art, die Ausgeburt einer verderbten und ausschweifenden Phantasie. Der "Held

Zigomar triumphiert schliesslich über alle Gerechtigkeit. Der Film wurde anstandslos in verschiedenen Schweizer Städten vorgeführt.

Scheurmann, Direktor der Zwangserziehungsanstalt in Aarburg in der Schweiz, behauptet in seinem Jahresbericht für das Jahr 1910, dass bei 10 % der Insassen der Kinematograph eine verhängnisvolle Rolle gespielt habe (39) und bei den Untersuchungen über die Kinematographenfrage, die in der norwegischen Stadt Stavanger veranstaltet wurden, stellte man fest, dass nicht weniger als 46 Volksschullehrer Erfahrungen über die Verleitung durch den Kinematographen zu Diebereien gemacht hatten; auch wurde konstatiert, dass ein grosser Teil der Zöglinge der Zwangserziehungsanstalten sowie der Schulheime durch den Besuch der Kinematographentheater auf den unrechten Weg gekommen sei. (40)

Bei der österreichischen Enquête führte Oberlandesgerichtsrat Dr. Warhanek u. a. folgendes aus: "Es ist eine Tatsache, dass fast kein Verhandlungstag des Wiener Jugendsenates vergeht, ohne dass nicht ein- oder mehrmals von irgend einer Seite das Wort Kinematographentheater fällt. Es ist das gewiss kein Zufall, und es wird das selbstverständlich auch nicht von uns Mitgliedern des Senates provoziert, aber soviel ist sicher, dass nicht nur ich, sondern auch meine Mitarbeiter im Senate bei mancher Gelegenheit schon immer auf dieses Wort als auf das erlösende Wort warten, wenn es sich darum handelt, die Handlungsweise eines Jugendlichen, die unaufklärbar schien, aufzuklären ... Ich will hier nur einen Fall anführen, der sich erst unlängst zugetragen hat, und der bei dem Senat ein gewisses Mitleid mit den Beteiligten hervorrufen musste. Es handelt sich um einen gewerblichen Gehilfen, welcher gewöhnlich seine freien Stunden in Gesellschaft eines im selben Betriebe beschäftigten Lehrjungen zu verbringen pflegte. Der Betrieb war eine Buchbinderei. Diese beiden begaben sich einmal nach 12 Uhr nachts nach Einbruch eines Parterrefensters in die Werkstätte, wo sie dann mit ziemlich unzulänglichen Instrumenten die eiserne Kasse ihres Meisters bearbeiteten. Sie wurden von drei Sicherheitswachleuten, die in der Nähe waren, arretiert. Es waren bisher ganz unbescholtene Personen, die allerdings mit ihrer Lage nicht ganz zufrieden waren, die aber sonst keinen Grund hatten, sich an fremdem Gut zu vergreifen. Es war sehr schwer, das Motiv der Tat aufzuklären. Das ging erst aus dem abenteuerlichen Plan hervor, den sie später verraten haben. Sie wollten nämlich mit einem bestimmten Schiff nach Amerika fahren und wollten sich dazu das Reisegeld verschaffen. Sie haben gewusst, dass in der Kasse 13 000 Kronen sind, und damit wollten sie über das grosse Wasser. Es ist herausgekommen, dass sie an dem betreffenden Abend zwei Kinematographenvorstellungen besucht hatten. Ich weiss nicht, ob das damals nur ausnahmsweise geschehen ist und ich kann auch nicht bestimmt behaupten, ob sie gerade durch diese Vorstellung dazu bewogen worden sind, allein die Vermutung liegt nahe, und das Merkwürdige ist, dass in diesem Falle wie in vielen anderen Fällen ein Geständnis der betreffenden, dass sie durch die kinematographische Vorstellung zu ihren strafbaren Handlungen verleitet worden sind, meistens nicht zu erreichen ist. Ich führe das darauf zurück, dass den betreffenden jugendlichen Personen der Einfluss, der auf diese Weise auf sie ausgeübt wurde, nicht einmal selbst zum Bewusstsein gekommen ist, dass es sich da aber doch um eine sehr gefährliche Suggestivwirkung solcher Vorstellungen handelt.

(41)

Mit diesen vorsichtigen Ausführungen von Oberlandesgerichtsrat Dr. Warhanek möchte ich die Zitate aus der neuen Literatur über die kriminellen Schundfilms beenden. Bevor ich kurz noch die Gefahren der hygienischen Schundfilms behandle, möchte ich eine Entscheidung des Bezirksausschusses I zu Berlin vom 6. Dezember 1912 in Sachen Eclair gegen den Polizeipräsidenten (I. A. Nr. 151/12) wiedergeben, weil derartige Urteile, welche einen Einblick in die Schundfilmfabrikation geben und die Stellungnahme unserer Verwaltungsgerichte gegenüber den kriminellen Schundfilms erkennen lassen, bisher noch kaum veröffentlicht worden sind, so interessant sie auch für jeden sind, der sich mit der Frage der Bekämpfung der Schundfilms befasst. (42)

Durch Verfügung vom 27. Juni 1912 verbot der Polizeipräsident die öffentliche Vorführung des Films "Tom Buttlers geheimnisvolle Abenteuer".

Der Inhalt des Films ist folgender:

Über die Mauer eines am Meere gelegenen Zuchthauses schleichen sich zwei unheimliche Gestalten; sie sind eben auf einem Felsblock angelangt, als ein Schuss aus der Festung den einen der Ausbrecher niederstreckt, während der andere in den Fluten verschwindet.

Einige Wochen später taucht ein unheimlicher Mensch in einer Weltstadt auf.

Die Schauspielerin Miss Hampton erhält einen Drohhrief: "Erinnerst Du Dich an Deinen Mann, den Du ins Zuchthaus brachtest? Es schlägt die Stunde der Vergeltung.

Miss Hampton ist sehr beunrnhigt, vergisst den Zwischenfall aber über ihrer Tätigkeit im Theater.

Da wird ihr ein Blumenstrauss überreicht, in welcher abermals eine unheimliche Drohung sich findet: "Er vergisst Dich nie, er naht.

In der Pause macht sie zufällig die Bekanntschaft des alten Barons von Norville, der kein anderer als der verkleidete Tom Buttler ist. Bald darauf verbreitet sich im Theater das Gerücht, auf Miss Hampton sei ein Attentat verübt worden. Man fand sie bewusstlos in ihrem Garderobenraum mit einem Strick um den Hals. " Ein dunkles Geheimnis" steht auf der weissen Leinewand über diese Vorgänge zu lesen.

Quälende Angst bemächtigt sich der Schauspielerin, unheimliche Ahnungen verdüstern ihr Leben. Nach einiger Zeit findet sie wieder in einem Blumenstrauss die Drohung: "Du sollst mir nicht ein zweites Mal entschlüpfen.

Unheimliche Bilder stören ihren nächtlichen Schlummer; überall glaubt sie den Verfolger hinter sich, wie von schwerem Alpdruck gepeinigt erhebt sie sich von ihrem Lager und von aufregenden Angsterscheinungen gequält stürzt sie sich aus dem Fenster ihres Schlafzimmers. Das Bild zeigt die Schauspielerin verwundet; sie wird in das nahe Haus eines Bildhauers gebracht, wo sich bald darauf ein ausländischer Kunstliebhaber - wiederum Tom Buttler in Verkleidung - mit einer Dame einfindet. Unbemerkt weiss er das Krankenzimmer der Schauspielerin ausfindig zu machen. Beim Fortgehen lässt er absichtlich seinen Stock stehen, um Anlass zur baldigen Wiederkehr zu haben. Kaum ist er wieder eingetreten, so brechen durch das Glasdach des Ateliers zwei an der Fassade beschäftigte Maurer hindurch. Da sie schwer verletzt sind, werden Tragbahren herbeigeholt, um sie fortzubringen. Seltsamerweise wird statt des einen Arbeiters Miss Hampton fortgetragen. Als man das Verschwinden der Dame bemerkt, wird die Verfolgung des fremden Kunstliebhabers und seiner Begleiterin aufgenommen.

Hinter einem Baume des Parkes wechseln diese ihre Kleider und verwandeln sich in reisende Engländer, die kein Wort der auf sie mit Fragen eindringenden Polizisten verstehen. Irgendwo aber scheint Miss Hampton wieder aufgefunden worden zu sein; wenigstens ist sie jetzt wieder in der Obhut ihrer Freunde. Da will ihr der ihr besonders ergebene Journalist Villars einen Blumenstrauss schicken. Dies ermitteln die Späher Tom Buttlers. Der Verbrecher selbst hält sich als alter Bettler verkleidet auf dem Wege auf, den die Überbringerin der Blumen gehen muss. Er stellt ihr ein Bein, so dass sie hinfällt und den Blumenstrauss fallen lässt, den eine Helferin Tom Buttlers sogleich mit einem Betäubungsmittel bestreut. Die Schauspielerin fällt sogleich in einen tiefen Schlaf. Tom Buttler mit seinem Komplicen dringt bei ihr ein und verschleppt sie abermals. Das "immer unheimlicher gewordene" Geheimnis beginnt sich zu lüften. Durch die Angabe der Blumenhändlerin wird der getreue Journalist auf die Spur der Verbrecher geführt. Als Detektiv weiss er sich unkenntlich zu machen und entdeckt den Schlupfwinkel der sauberen Gesellschaft. Eine Kaschemme ist ihr Versammlungsort. Unter dem beweglichen Buffet dieser Kneipe führt eine Treppe in die Tiefe. Hierhin hatte Tom Buttler sein Opfer gebracht, um es in einer Nische lebendig einmauern zu lassen: "Diesmal entschlüpfst Du mir nicht!" ruft er ihr triumphierend zu. Gefesselt wird sie in die Nische gestellt und man sieht, wie die Männer Stein um Stein auf das Grab der Lebenden aufsetzen.

Als der letzte Stein aufgesetzt werden soll, dringt Villars mit Polizisten ein. Die Verbrecher fliehen durch eine Hintertür; erst nach längerem Suchen erkennt man aus dem Wimmern der lebendig Begrabenen ihren Aufenthaltsort. Die Mauer wird eingerissen und die Arme befreit. Kein Mensch kümmert sich um einen in seinem Blute liegenden Polizisten, der von den Einbrechern niedergeschossen worden ist.

Der Kaschemmenwirt verrät den Aufenthalt der Verbrecher, die sich in dem Foyer der "Folies Bergères" befinden, wo es gelingt, ein Weib zu verhaften, während Tom Buttler an einer besonderen Vorrichtung vor den Augen seiner Verfolger sich in die Höhe zu ziehen und abermals in Sicherheit zu bringen weiss.

Die verhaftete Frau verweigert jede Aussage. Da begeht Tom Buttler "eine Unvorsichtigkeit" und dringt als Bettler verkleidet in das Gerichtsgebäude ein. Der findige Villars aber entlarvt ihn und führt seine Verhaftung herbei.

In der Gerichtsverhandlung schildert Tom Buttler, wie ihn seine einstige Frau, Miss Hampton, wegen einer verbrecherischen Tat angezeigt und ins Zuchthaus gebracht habe. Nach seiner Flucht aus dem Zuchthause habe er sie unaufhörlich mit seiner Rache verfolgt. Dabei erscheint im Hintergrunde das Bild, wie er als Baron Norville verkleidet im Theater sie mittelst eines Strickes zu erdrosseln versucht habe. Während den Gerichtshof noch sein sehr anmassendes Betragen in Erstaunen versetzt, schwingt sich Tom Buttler auf die Fensterbrüstung und stürzt sich in den Hof hinab, wo er in der Schlussszene zerschmettert liegt. Der letzte Titel verkündet: "Gerechtigkeit".

Die Klägerin meinte, das Verbot sei nicht gerechtfertigt. Der Film zeige lediglich, wie weit die Leidenschaft und die Rache einen Menschen führen könne, die einzelnen Handlungen fänden ihre psychologische Erklärung und seien durch das meisterhafte Spiel der Schauspieler auf eine Höhe gehoben, die der Darstellung eine hohe künstlerische Bedeutung verleihe. Schliesslich fände das Verbrechen auch seine Sühne. Die Darstellung sei geeignet, eine sittliche Wirkung auf die Zuschauer auszuüben, eine Tatsache, welche geeignet sei, die Nachahmung der strafbaren Handlung auszuschliessen. Es sei zu berücksichtigen, dass die ganz entfernte Möglichkeit, verbrecherische Entschlüsse wachzurufen, nicht geeignet sei, ein Verbot zu rechtfertigen; eine stets unmittelbare Gefahr für das Publikum sei erforderlich.

Der Polizeipräsident hielt das Verbot für begründet. Der Film enthalte eine Reibe von Verbrechen in abschreckenden Bildern, auch die Schilderung der Seelenqualen der Verfolgten und ihr Selbstmordversuch könnten auf die Zuschauer verderblich wirken. Es liege eine Häufung von Scheusslichkeiten vor, bei denen weder von einer psychologischen Begründung noch von hoher künstlerischer Bedeutung die Rede sein könne. Auch dass die Verbrechen ihre Sühne fänden sei belanglos; im Gegenteil wirke das Auftreten des Verbrechers mit seinem unbestreitbaren guten Spiel als eine Verherrlichung des Verbrechens und als eine Heldentat im Sinne des [Verbrecherkultus] Verbrecher- und Apachenkultus.

Das Gericht schloss sich dieser Auffassung an und wies die Klage zurück.

Zur Begründung wurde folgendes ausgeführt:

"Es muss der Ansicht des Beklagten beigetreten werden, dass die Vorführung des Films durchaus geeignet ist, zur Nachahmung der vorgeführten strafbaren Handlungen anzureizen. Wenn auch schliesslich der Verbrecher nach seiner grossen Anzahl mit Erfolg betriebener Schandtaten sich aus dem Fenster stürzt und dabei verunglückt, so ist dies nicht die Folge einer ausgleichenden Gerechtigkeit: Das ganze Stück stellt sich mehr oder minder als eine Verherrlichung der verbrecherischen Gewandtheit des Tom Buttler dar, ohne dass von einer sittlichen Sühne die Rede sein kann. Die Handlungen des Verbrechers sind, bis zu seinem letzten Atemzuge, wo er entweder entfliehen oder sich selbst umbringen will, ein Triumph des Apachen und eine Verhöhnung der Behörden, die überall das Nachsehen haben - aber auch durch die abstossenden Szenen, die Ausführung der Mordversuche, die Darstellung der qualvollen Ängste der Verfolgten und die letzte Steigerung aller Gräuel, die Einmauerung der Verfolgten, wobei Stein auf Stein recht anschaulich zu dem Verbrechen gehäuft wird, dann ein Revolvergefecht zwischen den entdeckten Verbrechern und der Polizei stattfindet und sich zu Tode getroffen ein Polizist im Vordergrunde in Qualen wälzt, sind geeignet, die Nerven und die Gesundheit der Zuschauer ungünstig zu beinflussen." [beeinflussen]

"Es bedarf kaum der Ausführung, dass die sich immer wiederholenden Vorführungen solcher Szenen in breitester Öffentlichkeit zu einer die öffentlichen Interessen berührenden Verschlechterung des sittlichen Denkens und Fühlens führen müssen (Entscheidungen des Oberverwaltungsgerichts vom 2. Mai 1892). Erwägt man endlich, dass es nicht angängig ist, einzelne Szenen im vorliegenden Film wegen ihrer technischen Vollendung freizugeben, da der verbrecherische Gedanke den ganzen Film in allen Teilen durchzieht, und dass die Aufführung unterschiedslos vor beliebigem Publikum beabsichtigt wird, so rechtfertigt sich die vom Beklagten angewandte Massnahme durchaus.

Auf die gesundheitlichen Gefahren durch Vorführung von hygienischen Schundfilms hatte ich zwar auch schon in meinem Buch hingewiesen; (43) doch hatte ich diesem Punkte, da mir damals noch nicht genügendes Material zur Verfügung stand, nicht die volle Bedeutung beigemessen, auf die er Anspruch machen kann. Mittlerweile habe ich in meiner Abhandlung über die Schädlichkeit von Schundfilms für die kindliche Psyche weiteres recht interessantes Material über die hygienischen Schundfilms beigebracht. Ich will auch hier wieder mich damit begnügen, auf meine früheren einschlägigen Veröffentlichungen zu verweisen und hier lediglich aus der sonstigen Literatur das zusammenzustellen, durch das meine früheren Erörterungen ergänzt und bestätigt werden.

In Zürich wurde von der Schulbehörde konstatiert, dass die sonderbaren und tollen Vorführungen der Kinematographentheater in der Phantasie der Kinder weitergesponnen werden und in weitgehendem Masse den Schlaf stören. (44)

Dr. Lang hat bei seiner Umfrage in Wiener Schulklassen sehr häufig zu hören bekommen: "Wenn etwas Grauliches kommt, dann fürchte ich mich

oder "Ich kann dann nicht schlafen, weil ich das immer sehe", "Schön und aufregend, man kann nicht schlafen darauf" usw. (45) Baginsky macht darauf aufmerksam, dass die Überreizung der Phantasie zweifellos zu Schlaflosigkeit führen könne und dass dies, wie vielfach beachtet werden könne, auch tatsächlich geschehe; Appetit und Verdauung könnten auch in Mitleidenschaft gezogen werden. (46) Nach Götze wird die Phantasie durch die Sensationsdramen ebenso wie durch die Sherlock Holmes-Literatur in falsche Bahnen gelenkt, "dabei sind diese Eindrücke so stark, dass sie die überhitzte Phantasie nachts nicht zur Ruhe kommen lassen; Fiebervorstellungen und aufregende Träume stellen sich ein, Angstzustände stören den nächtlichen Schlaf und wirken zerstörend auf das zarte Nervensystem ein. Zur Abspannung gesellt sich Appetitlosigkeit, so dass die Kinder in ihrer ganzen Verfassung herunterkommen ... Wiederholt kamen Mütter zu mir, die ich wegen ihrer Jungen benachrichtigt hatte, und klagten, dass ihre Kinder nachts unruhig schliefen, im Schlafe aufführen und von Mördern und Räubern phantasierten und Angst vor dem Messer äusserten. Die Erlebnisse im Kino wirkten nach." (47)

Bei der Untersuchung in Stavanger wurde gleichfalls festgestellt, dass zahlreiche Kinder ihren eigenen Angaben nach an Schlaflosigkeit leiden oder Angstträume haben, wenn sie im Kino unheimlichen Vorführungen beigewohnt haben; eines blieb noch den nächsten Tag krank und musste das Bett hüten. Vierzehn Kinder mussten sich übergeben, nachdem sie aufregende Schundfilms angesehen hatten.(48)

Auch die Bremer Lehrerinnen konnten feststellen, dass die schreckhaften und aufregenden Bilder manche Kinder bis in den Schlaf verfolgen. (49) Eine Lehrerin teilte in ihrem Bericht folgende Beobachtungen mit: "Eine Schülerin meiner Klasse verschlechterte sich auffallend in ihren Leistungen. Das Kind kam mir sehr nervös vor, ich bemerkte manchmal veitstanzähnliches Gesichterschneiden und fortwährende Unruhe in der ganzen Körperhaltung. Bei der geringsten Ermahnung gebärdete sie sich förmlich hysterisch. Die übrigen Mädchen erzählten mir, dass dieses Kind (kaum zwölf Jahre alt) viel mit Knaben unterwegs sei, auch abends noch. Als ich dann mit dem Vater Rücksprache nahm, gestand er ein, dass seine Frau die Kinder nicht nur Sonntags, sondern auch häufig in der Woche zum Kino schickte, um sie los zu sein. Er erzählte mir, seine Tochter könne oft gar nicht einschlafen, oder sie stehe nachts im Schlafe auf, gehe umher und wache ganz erschrocken auf, wenn man sie anrede. Am Tage habe sie dann immer Kopfschmerzen. Die kleine Schwester von fünf Jahren, die auch manchmal mitgehe, könne darnach überhaupt nicht schlafen und weine halbe Nächte lang über all das Schreckliche und Rührende, das sie im Kino gesehen habe.

Ich beschwor natürlich den Mann, seiner Frau eindringlich vorzustellen, wie schwer die Gesundheit der Kinder geschädigt würde, wenn sie nicht vom Kinobesuch abliessen. Er versprach es mir und scheint auch Wort gehalten zu haben. Das Mädchen ist jetzt viel wohler und kommt auch regelmässig zur Schule, seit sie das Kino meidet.

Neulich Montags erhielt ich von einer gut begabten Schülerin solch verworrene und dumme Antworten, wie ich es gar nicht von ihr gewohnt war. Als ich sie daraufhin näher beobachtete, fiel es mir auf, dass sie sehr elend und angegriffen aussah. Auf mein Befragen erklärte sie, heftige Kopfschmerzen zu haben. Und dann kam es heraus, dass sie am Sonntag im Kino gewesen sei und sich darnach so schlecht befunden habe, dass ihr zu Hause schon gesagt wäre, sie dürfe nicht wieder zum Kino.

(50)

Gaupp sagt: "Wir Nervenärzte wissen, wie verhängnisvoll, ja geradezu entscheidend für die Nervengesundheit des jungen Menschen ein stark affektvolles Ereignis werden kann. Kinder, Mädchen und Frauen kommen häufig zu uns mit ernsten und qualvollen nervösen Erkrankungen, die auf einen heftigen Schreck, auf ein angstvolles Erlebnis zurückgeführt werden müssen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die Seelenverfassung des phantasieerregten Kindes, das im verdunkelten Raum des Kino in fieberhafter Erregung alle Schrecken des Dramas miterlebt, einer tiefen und nachhaltigen Schädigung besonders leicht zugänglich ist. Deshalb fort mit dem Schundfilm, fort mit den ordinären Verzerrungen des wirklichen Lebens, das ja schon genug Leid und Kummer mit sich bringt." (51)

Bei der Untersuchung der Kinematographenfrage in Hamburg durch die Lehrerschaft im Jahre 1907 wurde festgestellt, dass bei der Vorführung eines höchst aufregenden widerlichen Schundfilms, in welchem durch vermummte Verbrecher ein zweifacher Mord verübt wurde, ein im Zuschauerraum befindliches Kind einen durchdringenden Schrei ausstiess und dann in Ohnmacht fiel. Ein bei dieser Untersuchung erstatteter Bericht sagt über die gesundheitlichen Gefahren, die durch Schundfilms drohen: "Ausser Augenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen werden genannt: Träume von Mord, Einbruch und brennendem Schiff ... Ich halte eine Verrohung dieser Jungen durch die lebenden Photographien für sehr wahrscheinlich. Die grossen Mädchen fühlen sich meistens abgestossen von jedem grausigen Ereignis." Von der "Rache des Indianers" sagte ein Mädchen: "Es war so grausig, dass ich nicht hinsehen mochte" ... "war mir unheimlich, machte mich ängstlich." Zum "Kampf zwischen Schmugglern und Soldaten": "Bei solchen Bildern zitterte ich am ganzen Körper." Alle anderen Berichte lauten ähnlich. (52)

Auch Professor Brunner, der literarische Beirat des Berliner Polizeipräsidiums, erwähnt gelegentlich, dass er es mit angesehen habe, wie [dreijährige] drei- bis vierjährige Kinder im dunklen Raum vor grausigen Szenen Angstzustände bekamen und laut schreiend hinausgetragen werden mussten. (53)

Professor der Psychiatrie Dr. Gadelius von dem Karolinischen Institut in Stockholm und Oberarzt des dortigen Hospitals macht nicht nur auf die grosse Suggestivkraft der kinematographischen Vorführungen aufmerksam, sondern weist auch mit Nachdruck auf die gesundheitlichen Gefahren hin, welche bei einigermassen reizbaren Kindern entstehen können. Nervöse Kinder können durch derartige Schundfilms direkt einen Nervenchock bekommen, aus welchem abnorme, längere Zeit bleibende Furcht und Empfindlichkeit sich entwickelt. Er beruft sich dafür auf die Erfahrung in einigen derartigen Fällen. Die Hysterie, welche im Kindesalter gar nicht so selten vorkomme, könne durch derartige Vorführungen zweifellos verbreitet werden, und eine an der Sache interessierte und gut unterrichtete Dame habe ihm auch mitgeteilt, dass hysterische Konvulsionen bei Kindern unmittelbar nach dem Kinobesuch wiederholt beobachtet worden seien. (54)

Bürgerschuldirektor i.R. Kopetzky bemerkte bei der österreichischen Enquete, er habe über die physiologischen Wirkungen kinematographischer Vorstellungen seine eigene Erfahrung. Wenn z. B. eine komische Szene gespielt werde, bei welcher ein rascher Personenwechsel stattfinde, Balken hinunterfielen usw., so habe er oft die Beobachtung gemacht, dass Kinder sich die Augen zuhielten und ängstlich würden, weil sie glaubten, dass sie von diesen herabfallenden Dingen getroffen würden. Wenn z. B. ein fahrender Zug aus einem verdunkelten Raume herauskomme, so drängen diese Bilder auf das Kind so schnell ein, dass es in Angst gerate. Das passierte mitunter sogar auch Erwachsenen. Wenn beispielsweise ein Schiff auf bewegter See gezeigt werde, so scheine die ganze Oberfläche des Meeres in schaukelnder Bewegung zu sein, so dass man glaube, man müsse die Seekrankheit bekommen. (55)

Endlich hat Dr. Villinger, Dozent der Nervenheilkunde in Basel, in einem im Jahre 1911 auf Ersuchen der dortigen Schulbehörden erstatteten Gutachten u. a. ausgeführt, dass viele kinematographische Vorführungen wegen der schädigenden Einwirkung auf Psyche und Nervensystem für schulpflichtige Kinder absolut nicht passend seien. (56)

Wenngleich eingehendere systematische Untersuchungen über die Frage des schädlichen Einflusses von Schundfilms auf Jugendliche durch Nervenärzte und Kinderärzte fehlen - was sehr bedauerlich ist -, so werden doch die beigebrachten Materialien, (57) die durch das, was ich in früheren Arbeiten über die gleiche Frage schon ausgeführt habe, ergänzt werden, doch genügen, um darzutun, dass nicht nur die ethischen Schundfilms für Kinder ausserordentlich gefährlich sind, sondern auch die hygienischen.

Anm.:

(1) So schon Hellwig, "Die Schundfilms" a.a.O. S.40 f

(2) Vergl. Hellwig, "Die gesundheitlichen Gefahren kinematographischer Vorführungen vom Standpunkte des Juristen" ("Deutsche Medizinische Wochenschrift" 1913 Nr. 31), sowie Hellwig, "Die massgebenden Grnndsätze der Filmzensur nach geltendem nnd künftigem Recht" ("Verwaltungsarchiv

1913, S. 420, Anm. 15).

(3) Es erscheint allerdings nicht ausgeschlossen, dass die missverständliche Bezeichnung die Stellung des württembergischen Entwurfes eines Gesetzes betreffs öffentliche Lichtspielvorstellungen gegenüber den ästhetischen Schundfilms mit beeinflusst hat, da mein Buch und meine kinematographenrechtliche Abhandlung in dem Entwurf und in den Verhandlungen stark berücksichtigt werden.

(4) Baginsky, "Kinotheater und Schule" ("Zeitschrift für Schulgesundheitspflege". Hamburg und Leipzig 1911. Sonderabdruck 1.1 f)

(5) Bericht des Rektors Lanzke vom 1. September 1911 in dem erwähnten Schöneberger Material.

(6) "Stenographisches Protokoll der Enquete über das Kinematographenwesen". Wien am 1., 17. und 18. April (Wien 1912), S.63

(7) A.a.O. S.14

(8) Lange, "Der Kinematograph vom ethischen und ästhetischen Standpunkt"(100. Flugschrift des Dürerbundes zur Ausdruckskultur), S.27

(9) Gaupp, "Der Kinematograph vom medizinischen und psychologischen Standpunkt" (100. Flugschrift des Dürerbundes zur Ausdruckskultur), S.3f, 9. - Sehr wichtig sind für diese Frage auch die sehr interessanten Bemerkungen von Dr. Ponzo, "Di alcune osservazioni psicologiche fatte durante rappresentazioni cinematografiche" ("Atti della R. Accademia delle scienze di Torino" Bd. 46, 1911) über Illusionen und Halluzinationen im Anschluss an kinematographische Vorführungen. (Vergl. darüber auch meinen Anfsatz in der "Zeitschrift f. pädagogische Psychologie" 1914, Heft 1, S. 37-40. über "Illusionen und Halluzinationen bei kinematographischen Vorführungen".) Ponzo denkt ebenso wie Tannenbaum "Kino und Theater" aus psychologischen Gründen sehr skeptisch über die angestrebte, bisher aber nur sehr unvollkommen erreichte Verbindung des Kinematographen mit einem Grammophon. Ich schliesse mich ihrer Auffassung an und gebe die in meinem Buche nebenbei geäusserte Ansicht auf.

(10) Vergl. Hellwig, "Die Schädlichkeit von Schundfilms für die kindliche Psyche" in der "Ärztlichen Sachverständigen-Zeitung", Berlin 1911, Nr. 22, Abschnitt III. Ich hatte auf Grund einer Notiz in den kinematographischen Fachzeitschriften dieses Verwaltungsstreitverfahren schon in meinem Buche S.56 f. kurz erwähnt.

(11) Das Urteil - A I Nr. 70/1910 - des Bezirksausschusses Abt. I zu Berlin ist mir aus den Akten des Berliner Polizeipräsidiums bekannt geworden.

(12) "Die Bremer Lehrerinnen und die Kinogefahr" ("Die Lehrerin"). Jahrg. 30, S.156.

(13) Vergl. dazu Hellwig, "Die Grundsätze der Filmzensur", a.a.O., S.437 f.

(14) Hellwig, "Die Schundfilms", a.a.O., S.30 ff.

(15) Vergl. Hellwig, "Die Anwendbarkeit der §§ 184, 41 StGB auf Vorführungen unzüchtiger kinematographischer Films". "Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft", 35, S.469/81, sowie zur Ergänzung meinen im "Volkswart" erscheinenden Artikel über "Vorführungen unzüchtiger kinematographischer Filme".

(16) "Das dunkle Kinematographentheater" ("Volksbildung") 1912 S. 64.

(17) Bericht des Rektors Lanzke vom 1. September 1911 in dem amtlichen Schöneberger Material

(18) Ike Spier, "Die sexuellen Gefahren des Kinos" ("Neue Generation

1912, S.192-198).

(19) Lange, a.a.O. S.22

(20) Vergl. Hellwig, "Die Schundfilms", a.a.O., S.64ff. Auch Lehrer Gensch kam in seinem schon mehrfach erwähnten Bericht zu der Auffassuug, dass der direkte Beweis einer Schädigung eines Kindes durch den Kinobesuch kaum gelingen dürfte. Die kinematographische Schädignng trete meist in Verbindung mit geistigen oder gesundheitlichen Angriffen anderen Ursprungs auf. Der kinematographische Einfluss auf die nervöse Tätigkeit des Menschen gehöre ferner zu den Beeinträchtigungen derselben, die, allmählich und langsam, als unkontrollierbar im Menschen wirkten.

(21) Vergl. Hellwig, "Schundfilms als Verbrechensanreiz" in der "Zeitschrift für Jugenderziehung und Kinderfürsorge" Bd.3, S.309-313 und 345-348; "Kinematograph und Verbrechen" in der "Mcnatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform" Bd.9, S.711-714; "Schundfilms als Verbrechensanreiz. Eine Untersuchung auf Grund österreichischen Materials" ("Österreichische Rundschau" 1914, S.45/54), sowie besonders "Die Beziehungen zwischen Schundliteratur, Schundfilms und Verbrechen

in dem "Archiv für Kriminalanthropologie und Kriminalistik" Bd. 51, S. 1-32.

(22) Hellwig, "Die Schädlichkeit der Schundfilms für die kindliche Psyche" in der "Ärztlichen Sachverständigenzeitung" 1911, Nr.11

(23) Gaupp, a.a.O. S.11

(24) Lange, "Die Kunst des Kinematographen" ("Die Grenzboten", 1914, S.511f)

(25) Näcke, "Verbrechen und Jugendlektüre" ("Archiv f. Kriminalanthropologie" Bd.45, S.167 ff.) und "Gefahren der Kinos", (ebendort Bd.52, S.197).

(26) Gruhle, "Die Ursachen der jugendlichen Verwahrlosung und Kriminalität. Studien zur Frage: Milieu oder Anlage." Berlin 1912. S.109.

(27) Hübner, "Lehrbuch der forensischen Psychiatrie." Bonn 1914. S. 153.

(28) Haldy, "Ein jugendl. Raubmörder" ("Archiv f. Kriminalanth." Bd.52, S.182).

(29) So heisst es in dem Bericht des Rektors Seifert vom 30. August 1911: Wenn auch die Zensur die schlimmsten Teile streiche, so bleibe doch noch genug Schädliches übrig. "Je reicher die Vorgänge an Affekten sind, je mehr die Nerven zur Aufregung angepeitscht werden, desto grösser ist der Beifall, desto grösser auch das Verlangen der Kinder nach dem Kino. Es muss jedem denkenden Menschen verständlich sein, dass hierdurch - besonders bei fortgesetztem Besuch der Aufführungen - der kindlichen Seele ein Schaden zugefügt wird, der bei weitem grösser ist als der schädigende Einfluss der Schundliteratur (Zerfahrenheit des Geistes, Verseuchung der kindlichen Phantasie, unmoralische Befruchtung der Willensimpnlse, Geschmacklosigkeit im Empfinden usw.).

(30) Der Fall wird auch von Meyer "Schundliteratur nnd Schundfilm

("Archiv für Kriminalanthropologie") Bd.53. S.176 ganz kurz erwähnt. Dort finden sich auch einige weitere Materialien.

(31) Eine allgemeine Konstatiernng des Verbrechensanreizes findet sich in dem mir von dem Präsidenten Briner übersandten gedruckten "Auszug aus dem Protokolle der Zentralschulpflege der Stadt Zürich vom 30. November 1911" unter Bezugnahme anf die Erfahrungen der Lehrerschaft, der Polizei, des Kinderfürsorgeamtes: "Die Untersuchung zeigt in den meisten Fällen, dass die Fehlbaren häufige Kinematographentheaterbesucher sind, die in diesen Theatern ihre Vorbilder gefunden haben.

(32) Götze, a.a.O. S.422,423

(33) Götze, a.a.O.

(34) Der Türmer XII. Nr.3 S.364f

(35) Lang, a.a.O. S.13f

(36) Sellmann, "Der Kinematograph als Volkserzieher?" 2.Aufl. Langensalza, Hermann Beyer u. Söhne (Beyer u. Mann). 1913. S.25. Ich habe den Fall mittlerweile aktenmässig nachprüfen können. Seine Beweiskraft ist nicht gross.

(37) De Ryckere, "Lettre Belgique" ("Archives d' anthropologie criminelle" 1912, S.942f.)

(38) Wild, "Die Bekämpfung des Kinematographenunwesens" (Separatabdruck aus dem Schweizerischen Jahrbuch für Jugendfürsorge über das Jahr 1912). Zürich 1913. S.63f

(39) "Jahresbericht des Zwangserziehungsanstalt Aarburg für das Jahr 1910" Zofingen 1911, S.5

(40) "Kinemagrafsaken", a.a.O. S.4,8

(41) "Stenographisches Protokoll", a.a.O. S.66f.

(42) Eine ganze Reihe weiterer Entscheidungen der Verwaltungsgerichte über Filmzensurverbote werde ich in allernächster Zeit im "Volkswart

veröffentlichen.

(43) Hellwig, "Die Schundfilms" a.a.O.

(44) "Auszug aus dem Protokoll des Zentralschulpflege", a.a.O.

(45) Lang, a.a.O. S.12.

(46) Baginsky, a.a.O. S.2

(47) Götze, a.a.O. S.418f.

(48) "Kinematografsaken" a.a.O. S.8

(49) "Die Bremer Lehrerinnen und die Kinogefahr", a.a.O. S.154.

(50) "Die Bremer Lehrerinnen und die Kinogefahr", a.a.O. S.163.

(51) Gaupp, a.a.O. S.11.

(52) Dannmeyer, "Bericht der Kommission für lebende Photographien". Hamburg 1907. Als Manuskript gedruckt von der "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens zu Hamburg". S.20,27.

(53) Brunner, "Der Kinematograph von heute - eine Volksgefahr". Berlin 1913. S.19.

(54) Das Gutachten ist abgedruckt bei Marie Louise Gagner, "Barn och biografföreställningar" (Stockholm 1908), S.17 sowie im Bihang till Riksdag prot. Stockholm 1911. 1. Saml. 1 Afd. 105.Häft. (Nr.160.) S.16.

(55) S. 115.

(56) Sanitätsrat Dr. Laquer erwähnt und billigt dies Gutachten in seinem Aufsatz "Über die Schädlichkeit kinematographischer Veranstaltungen für die Psyche des Kindesalters" in der "Ärztlichen Sachverständigen-Zeitung" 1911. Nr.11. Sonderabdruck S.8.

(57) Weitere einschlägige Materialien finden sich in meinem in der "Ärztlichen Sachverständigen-Zeitung" 1914 erscheinenden Aufsatz "Über die schädliche Suggestivkraft kinematographischer Vorführungen".

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