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#270

Berliner Börsen-Courier, 02.12.1912, Nr. 565

Max Linder, der Filmkönig, im Wintergarten

Der Wintergarten, der eigentlich die Wiege des Berliner Kinos ist - denn von der Bühne dieses Variétés aus sah man die ersten kinematographischen Vorführungen grossen Stils - bereitet eine Sensation vor, die auf das allerengste mit der Kinematographie und mit der Filmproduktion überhaupt verknüpft ist. Max Linder, der mit Recht der König der Kinoschauspieler genannt wird, ist für die erste Hälfte des Dezember von der Direktion des Wintergartens gewonnen worden. Der Künstler, auf tausenden und abertausenden Films ist er zu erblicken, wird nun selbst auf der Bühne erscheinen, und wir werden Gelegenheit haben den Mann zu sehen, der für die Filmfabrikation - wenigstens zurzeit - tatsächlich unentbehrlich ist; denn wir haben niemanden augenblicklich, der wie Max Linder geeignet wäre, so wundervoll für den Film tätig zu sein, dass man vermeint, der lebendige Mensch träte einem entgegen.

Linder hat nämlich die Sprache, die jeder Mensch versteht. In China und Japan, in Russland und in der Türkei, in Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland versteht man die Sprache Linders, die phänomenale mimische Fähigkeit, das Wort ohne Sprache auszudrücken, die Empfindungen, die Gefühle durch das Spiel der Mienen dem Zuschauer zu vermitteln. Linders Ruhm ist durch die ganze Welt gegangen. Der Mann, der als kleiner Schauspieler die bitterste Not leiden musste, hat in den letzten paar Jahren seit dem Riesenaufschwung des Kinos weit über eine Million verdient. Max Linder ist trotz seines deutschen Namens ein Franzose. In Bordeaux geboren, sollte er nach dem Willen seiner Eltern einen kaufmännischen Beruf wählen, aber der junge Linder wollte das nicht, er fühlte eine so starke Neigung zum Theater in sich, dass er eines Tages umsattelte und erklärte, zur Bühne gehen zu wollen. Er besuchte die Schauspielschule seiner Vaterstadt und wagte nach einem Jahre den Sprung auf die Bretter. Allein er hatte kein Glück. In Paris ist an guten Schauspielern kein Mangel und so finden wir Linder bald in einer sehr misslichen Lage. Alle seine Anstrengungen, sich eine Position zu erringen, waren vergebens und schliesslich musste er zufrieden sein, am Theater d' Ambique ein Unterkommen zu finden.

Da kam der Erfolg des Kinos und mit schnellem Entschluss wandte sich der junge Künstler diesem Gebiet schauspielerischer Tätigkeit zu. Das erste Stück, in dem er "filmte" hiess "Die Flucht der Studenten" und es hatte gleich nach seinem Erscheinen einen so enormen Erfolg, dass alle Kinos der Erde diesen Film brachten. Linder selbst erhielt für seine Mitwirkung sage und schreibe - 20 Francs. Seitdem haben sich die Honorare natürlich ganz ungeheuerlich potenziert. Aber mit diesen 20 Francs war Linders Glück gemacht, seine Zukunft als Filmschaumspieler [!] begründet. Sein Ruf verbreitete sich mit Windeseile; Pathé frères hat er gross gemacht und andere Firmen rissen sich förmlich um ihn. Linder ist etwas untersetzt. Er hat ein ausdrucksvolles Gesicht, das zwei feurige Augen sympathisch beleben. Seine sprechenden Gesten, sein hervorragendes schauspielerisches Talent prädestinieren ihn wir keinen zweiten für den Film und wäre der Kino noch nicht da, so müsste er eigens für Max Linder erfunden werden. Linder hat sich in den schwierigsten und gefährlichsten Situationen filmen lassen, so sahen wir ihn auch im spanischen Film als Stierkämpfer, wobei ihm seine fabelhafte Agilität sehr zu statten kam. Auch auf dem sogenannten Verbrecherfilm ist Linder verewigt, hier ist er ebenfalls in seinem Element, denn er kann körperliche Geschicklichkeit mit mimischer Ausdrucksfähigkeit auf das allerengste verbinden. Seine eigentliche Domäne aber ist vielleicht die Groteske, die lustige und verulkende Flinkheit, ist der Witz, den er durch Geberde und Miene lebendig macht. - Linder wird im Wintergarten aber nicht nur im Film auftreten, sondern in einem Sketch selbst spielend. Dieser Sketch heisst: "Der Hühneraupenoperateur [Hühneraugenoperateur] aus Liebe" und gibt ihm Gelegenheit, all seine komischen Künste spielen zu lassen.

Es ist klar, dass das Gastspiel (Max) Linders im Wintergarten jeden interessieren muss, denn es gibt wohl nur sehr wenige Menschen, die ihn noch nicht auf dem Film gesehen und über seine burleske Kunst noch nicht gelacht haben. Es muss reizen, diesen Mann von Angesicht zu Angesicht zu sehen, der wie niemand vor ihm es verstanden hat, dem Kinobild wirkliches Leben einzuhauchen. Wir werden den Vergleich zwischen dem Linder auf dem Film und dem wirklichen Max Linder machen können, denn der Sketch ist die Fortsetzung eines Films, in dem Linder den Helden darstellt. Die Aufnahme dieses Films war ungeheuer kompliziert, wie denn überhaupt die Sujets, in denen der Künstler agiert, ungeheuer schwierig zu stellen sind. Es ist daher kein Wunder, wenn Linder zu den am meisten von der Pariser Polizei sistierten Menschen gehört. Denn bei allen Verbrecherfilms, die in verrufenen Pariser Vierteln spielen, hat Linder zu wiederholten Malen eine Flucht agieren müssen; bei diesen komischen Fluchtversuchen kam es nun mehrfach vor, dass die Polizei glaubte, es handle sich um einen Akt der Wirklichkeit. Wenn dann von den Beamten Linder erkannt wurde, gab es natürlich nur ein freudiges Halloh. So ist Linder in Paris ein populärer Mann geworden und durch seine Bilder im Film in der ganzen Welt berühmt; er ist jetzt auf dem Wege, nunmehr auch in Berlin populär zu werden und man darf seinem Gastspiel im Wintergarten mit lebhaftester Spannung entgegensehen. In jeder Situation, ob Linder lacht oder Grimassen schneidet, ob er weint wie ein Kind, ob er ein Schluchzen markiert um vielleicht aus einer verzweifelten Lage zu kommen, immer entfesselt er Stürme von Heiterkeit und gerade in dem Sketch, in dem er als Liebhaber gezwungen ist, beim Gatten den Hühneraugenoperateur zu spielen, um die Geliebte nicht zu verraten, wird ihm Gelegenheit gegeben, seine tolle Laune nach jeder Seite hin spielen zu lassen. Ein Schauspieler, der mit 20 Francs die Kinolaufbahn begann und heute noch nur als Filmschauspieler Hunderttausende verdient, ist an sich eine Spezialität. Linder ist aber nicht ein künstlich in die Höhe gebrachter Star, sondern er ist wirklich der Filmkönig, wirklich der Schauspieler, der als erster die Filmproduktion in ganz hervorragendem Masse beeinflusst, ja man kann sagen, dass die Rentabilität eines Films direkt von seiner Mitwirkung abhängig ist.

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